Willenskraft nutzen

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Guten Abend allerseits und einen strahlenden guten Morgen an diejenigen unter Euch, die östlich des Atlantiks leben. Heute Abend möchte ich Euch Shokushu Nr. 19, Willenskraft, vorlesen.

„Die fokussierte Willenskraft durchdringt sogar Stein. Dieser natürlich entstehende Geisteszustand bringt sogar Sturm und Donner zum Schweigen.
Woher kommt dieser Geisteszustand? Der Mensch, der wichtige Aufgaben meistert, kennt diese Kraft aus seiner Erfahrung.
Wenn wir die Wellen unseres Geistes von den Molekülen über die Atome bis zu den Elektronen beruhigen, erfahren wir unsere große Willenskraft, die universelle Willenskraft ist.“

Dieses spezielle Shokushu bezieht sich direkt auf den heutigen Spruch von Tohei Sensei, und umgekehrt:

„Wenn du deine Willenskraft im Einklang mit den universellen Prinzipien einsetzt, wird dies deine Realität werden.“

Sayaka, würdest Du das bitte auf Japanisch vorlesen? (Sayaka liest)

Ich danke Dir vielmals.

Wenn Tohei Sensei „universelles Prinzip“ im Singular sagt, meint er normalerweise „Geist führt Körper“. Wenn er jedoch „universelle Prinzipien“ im Plural sagt, meint er die drei Prinzipien des Universums: „1. Das Universum ist eine unendliche Kugel mit einem unendlichen Radius, 2. das Universum ist eine unendliche Ansammlung von unendlich kleinen Teilchen, und 3. alles ist immer in Veränderung.“

Manche Leute mögen also denken, dass er mit dem Singular und Plural dort auf verschiedene Dinge hinweist. Aber selbst bei den mehr als 20 Sammlungen der „Fünf Prinzipien“, die er uns gegeben hat, beziehen sich alle auf dieselbe Sache, die natürlich die Vereinigung von Geist und Körper ist. Oder in anderen Worten, dem Weg des Universums zu folgen.

Okay, lasst uns also etwas Ki-Atmung machen. 

(10 Minuten Ki-Atmung)

Am Anfang unseres Trainings sind wir noch recht unreif. Deshalb werden wir im Dojo dazu angehalten, die Form mit Ernsthaftigkeit zu üben. Uns wird eine Etikette gegeben, der wir folgen sollen. Uns wird gesagt, was wir in jedem Moment tun sollen, wir bekommen mehrere Strukturen, die wir lernen sollen. Wir konzentrieren unsere Bemühungen auf diese Strukturen, von denen einige physisch und einige mental sind, und alle sind Formen, die wir strikt einhalten müssen.

Wir können sehr gut darin werden, während wir im Dojo sind, oder während wir vor dem Lehrer stehen. Aber wenn wir dann das Dojo verlassen, bilden wir uns ein, dass wir damit fertig sind und wir uns entspannen und eine Party feiern können.

Das ist das kaisho-Stadium, auf das ich hier hinweise, wenn wir nur sehr, sehr sorgfältig und sehr selbst-bewusst der Form folgen. Wisst ihr, in diesem Stadium gibt es keine wirkliche Hingabe an die Form in einem solchen Ausmaß, dass sie die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, verändern könnte.

Aber dann im gyosho, der zweiten Stufe, gibt es immer noch eine Form, der wir sorgfältig folgen, aber es gibt auch Ki-Bewegung. Mit anderen Worten, es gibt eine Inspiration im Geist, die beginnt in die Form unserer Praxis einzuziehen, so dass die Form auf einer sehr subtilen Ebene sinnvoll in-formiert wird. Dies ist die mittlere Stufe der Reife.

Erst wenn wir sosho, die fortgeschrittene Ebene der Praxis der Reife, erreichen, sind wir in der Lage, die Form einfach in Ruhe zu lassen. Wir werfen sie nicht wirklich weg, denn wohin sollte sie gehen? Sie ist immer für uns verfügbar. Sie wird immer benutzt, aber eben nicht selbst-bewusst. Es ist jetzt automatisch ein Teil von uns. Wir können also unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Art und Weise richten, wie wir die Welt sehen, und vielleicht die Art und Weise ändern, wie wir mit Veränderungen umgehen.

Und das ist genau das, wovon Tohei Sensei spricht. Es ist der Punkt, an dem wir beginnen, die wirkliche Welt zu entdecken. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir aufhören, jeden Moment, jede Handlung oder jede Aktivität als falsch zu beurteilen.

Jetzt folgen wir dem Universum, das Universum handelt, das Universum in seiner Gesamtheit, das Universum läuft einfach. Es ist das, was geschieht. Und jeder einzelne Moment ist dazu da, um uns aufzuwecken für die Erleuchtung über uns selbst in diesem Leben, um uns zu helfen, auf einer tieferen Ebene zu verstehen, wie genau wir in dieses Programm passen, und wie genau wir konditioniert wurden zu denken, dass wir es zwar sollten, aber dann doch nicht so passen wie wir es wollen. Eine Änderung dieser Konditionierung wird nun die Art und Weise verändern, wie wir mit der Welt interagieren.

Und das wird nun zu unserer Praxis. Dies ist nun eine fortgeschrittene Praxis, und das ist es, was wir shugyo-Praxis nennen. Wir nennen es shugyo-Praxis, weil es wirklich erfordert, unsere ganze Aufmerksamkeit auf den Moment zu richten. Und egal, mit welcher keiko-Praxis wir uns beschäftigen, mit dem Erlernen irgendeiner Kunst oder dem Studieren irgendeines Prinzips, es geht weiter, denn Wissen ist unendlich. Aber während all dieser keiko-Praxis sind wir entweder in shugyo oder nicht. Mit anderen Worten, wir können uns vollständig auf den Ausdruck der Form konzentrieren, während wir gleichzeitig in völliger Aufmerksamkeit ruhen. Unsere Aufmerksamkeit ist vollständig präsent, ohne Ablenkung, ohne das Bedürfnis nach Korrektur oder Klärung.

So lebt jemand, wenn er dem Weg des Universums folgt, wenn er diese universellen Prinzipien befolgt.

Überlegt während Eurer Diskussionen heute Abend, wie diese drei Prinzipien des Universums in Eurem Leben aktiviert werden? Und wie wirkt sich der ständige Zustand der Veränderung auf Euch aus? Und wie erlaubt Euch Eure Willenskraft, dies zu erfassen und damit zu leben?

Okay, geht bitte in Eure Gruppendiskussionen, und wir sehen uns bald wieder. 

(15 Minuten Gruppendiskussionen)

Sind wir alle zurück? Lasst uns beginnen.

Schüler: Guten Abend Sensei: Wir haben über Körper und Gesundheit gesprochen, und wie man durch das Training von Ki Aikido irgendwie sensibler wird. Und man fängt an, die Dinge zu bemerken, die man isst und trinkt, die gut für einen sind oder nicht gut für einen. Man wird sensibel für die Rückmeldung des Körpers, was gut für einen ist und was nicht. Man wird also irgendwie sensibler und denkt: Das sollte ich nicht essen. Es fühlt sich nicht gut an. Wir haben das Gefühl, dass man sich selbst trainieren kann, vielleicht nicht wirklich trainieren, aber es kommt irgendwie durch unser Training, und diese Sensibilität gilt auch für den Körper.

Das war also ein Thema. Und ein anderes war, selbst in Märchen für Kinder gibt es Beispiele dafür, wenn jemand einen starken Willen hat und etwas will, egal was alle anderen denken. Und wenn er versucht, diesen Weg zu gehen, sehen wir am Ende des Märchens, dass es für ihn nicht klappt. Diese Art von Weisheit steckt also auch manchmal in Märchen.

Aber ich denke, das wichtigste Thema war, wenn wir die Prinzipien des Universums spüren und wir in der Lage sind, mit dieser Ki-Bewegung zu gehen, dann scheint das, was wir tun, zu funktionieren. Aber wenn wir unsere Willenskraft auf eine andere Art und Weise einsetzen, z.B. wenn sich jemand in diese Richtung bewegt, ich aber in diese andere Richtung gehen möchte, dann sehen wir ein Ergebnis, das nicht so ist, wie wir dachten, weil es jetzt Spannungen und vielleicht sogar Kämpfe gibt. Ich sehe also, dass die Ergebnisse nicht so sind, wie sie sein sollten, wenn wir nicht der Bewegung folgen, die uns von unserem Partner präsentiert wird. Die Frage ist also, wie leben wir immer im Einklang mit dem, was das Universum uns präsentiert, so dass wir immer diesen Weg gehen können?

Okay, vielen Dank. Wenn wir also beginnen, unseren Geisteszustand zu bemerken, werden wir ein wenig freier, und wir haben begonnen, eine kleine Kapazität für Aufmerksamkeit aufzubauen. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir anfangen, andere Dinge zu bemerken, richtig? Das kann unser Auto sein, wie wir etwas tragen, wie wir unsere Arbeit verrichten usw. Und sicher, die Lebensmittel, die Du kaufst, beginnen sich vielleicht auch zu verändern. Das ist keine große Sache, denn das ist nicht ein großer Teil davon. Das ist eine sehr, sehr, sehr kleine Unterkategorie, in der sich die Leute am Ende verlieren und den ganzen Sinn, dem Weg des Universums zu folgen, verlieren können, weil sie sich in Form von speziellen Diäten und speziellen Praktiken verlieren. Das ist verständlich, denn es ist im Allgemeinen nur die Form, die wir sehen, an der wir arbeiten, in der wir uns bewegen, die wir in unseren Körper tun usw., so dass wir denken, dies sei die eine wirklich wichtige Sache in unserem Leben. Wie Du sagst, beginnen wir vielleicht automatisch wahrzunehmen, dass sich solche Dinge verändern, aber das ist nicht das, worauf sich unsere Wahrnehmung konzentriert. Also entschuldige bitte, aber um fair zu sein, es ist auch wahr, dass sich Menschen in der Form auch auf anderen Ebenen verlieren. Ich beziehe mich also nicht nur auf die physische Form.

Wir verlieren uns auch in der ideellen Form. Was uns zu Märchen… Geschichten bringt. Es sind uralte Weisheiten, und sie sind alle da drin. Wenn ihr euch zum Beispiel die Bibel anschaut und die vier Teile des Neuen Testaments, die von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben wurden. Diese wurden über einen Zeitraum von vielen, vielen Jahren geschrieben, lange nachdem der Mann Jesus gestorben war. Und so ist der erste Teil sehr praktisch klingend, nichts Besonderes. Und dann, als die Zeit weitergeht und die späteren Teile geschrieben werden, wird die Erzählung immer wundersamer, denn über einen Zeitraum von 100 Jahren musste das so geschehen. Und wenn wir uns diese ganze wunderbare Literatur, die da drin steckt, anschauen und sie einfach als Weisheit sehen, dann müssen wir daraus nichts anderes machen. Wir müssen nichts damit machen. So sollen wir auch mit allen Formen in unserem Leben umgehen. Ganz gleich, wie brillant und phantasievoll der Künstler ist, wir müssen durch sie hindurchsehen, zu der Bedeutung, die darunter liegt. Worauf deutet es hin?

Aber etwas an dem, was Du sagst, stört mich ein wenig. Letztendlich ist die Frage: „Wie soll man leben?“ Nun, indem man es nicht zu etwas macht, was es nicht ist. Das ist es, was ich über die Bibel gesagt habe, macht die Prinzipien des Universums nicht zu einer direkten Forderung, zu etwas Feststehendem, das sie nicht sind, nur weil wir das vielleicht brauchen oder meinen, dass wir es auf eine bestimmte Weise brauchen, um es ganz schlucken zu können.

Wisst ihr, je weiter mein Leben voranschreitet, desto mehr sehe ich, dass es um die kleinen Dinge geht, um jeden Moment. Es gibt keine großen Dinge. Das Universum arbeitet sehr intim mit uns. Moment für Moment gibt es kein Mysterium, es gibt kein „Big Ki!“, dem man folgen muss. Es gibt nur dies, und dann dies, und dann das. Hört einfach zu. Folgt einfach Mutter Teresa. Alles, was wir tun müssen, ist zuzuhören, und wir werden bekommen, was wir wissen müssen. Auch hier bekommen wir immer genug, um uns am Rand unserer Praxis beschäftigt zu halten, wenn wir nur zuhören.

Ich werde euch eine kurze Geschichte erzählen. In meinem dreijährigen Meditationsretreat habe ich mich wirklich dafür begeistert, Vegetarier zu sein. Ich meine, ich habe mich da wirklich reingesteigert. Und als Ergebnis dachte ich, dass ich erkennen kann, wirklich erkennen kann, wenn ich etwas gegessen habe, das nicht „sattvisch“ war, wisst ihr? Ich meine, wenn etwas nicht rein genug war, um es zu essen, wenn man wahre spirituelle Praxis betreibt. Und ich schrieb meinem Lehrer eine Notiz darüber. Und er schrieb sofort zurück und sagte: „Geh heute los und kaufe ein Pfund Schinkenspeck, iss das ganze verdammte Ding und halt die Klappe darüber, was du glaubst, was gut für dich ist und was nicht. Denn du verstehst den ganzen Punkt nicht. Du hast keine Ahnung, worum es hier geht.“ Ich war furchtbar schockiert, denn ich hatte geglaubt, endlich wach zu sein, wenn auch nur in der „Essensabteilung“. Die Wahrheit ist, dass es bei all dem nur um meine Eitelkeit ging – ich war dabei, dünn zu werden, und ich mochte dieses asketische Aussehen.

Ja, all diese neuen Dinge beginnen mit uns zu geschehen. Dinge scheinen zu verschwinden, und wir sehnen uns nach etwas, an das wir uns klammern können. Wir müssen also sehr vorsichtig sein, denn unser Geist ist damit beschäftigt, nach Dingen zu greifen und an ihnen festzuhalten, und stattdessen geht es darum, dass wir irgendwie loslassen und unser Festhalten an allen Aspekten der Form lösen wollen. Okay, ich danke Dir. Die nächste Gruppe, bitte.

Schüler: Unsere Gruppe hat irgendwie bemerkt, dass es eine Standarddefinition von Willenskraft gibt. Ich möchte sagen, dass wir Willenskraft immer irgendwie als die Fähigkeit zur Selbstdisziplinierung betrachtet haben. Aber im Aikido hatte ich immer das Gefühl, dass da noch viel mehr dahintersteckt. Aber dann habe ich nie ganz verstanden, was das ist. Und dann haben wir bemerkt, dass es, ähm, na ja, es gibt eine Standarddefinition, und die ist so ähnlich wie, meine Willenskraft gegen deine Willenskraft. Und Prakash Sensei sagte, dass das Ego voller Willen (willful) ist. Aber es scheint, dass Tohei Sensei das Wort Willenskraft nimmt und es auf die universelle Willenskraft ausweitet.

Nun, ich schätze, ich teile einfach mit, dass ich in meinem Fall sehe, dass der Punkt hier ist, dass, wenn jemand sehr voller Willen in Bezug auf Dinge ist, dann gibt es Unfrieden. Aber wenn er seine Willenskraft dem Universum überlässt und im Einklang mit den universellen Prinzipien ist, dann erfährt er so etwas wie eine andere Art von Willenskraft, und seine Bemühungen werden mühelos. Also ich fand das interessant.

Wie ich im Trainingshandbuch erklärt habe, bedeutet Willenskraft, die Hände aus dem Wasser raus zu halten und zuzulassen, dass es sich von selbst beruhigt. Es geht nicht darum, zu versuchen, das Wasser mit den Händen zur Ruhe zu bringen, was nicht funktioniert und nur mit voller-Willen-sein zu tun hat. Diese Art von voller-Willen-sein-Willenskraft ist es, die unsere Welt verwüstet. Das ist keine echte Willenskraft, es ist dein Wille gegen meinen. Das ist nur ein Ego-Trip und führt nur zu einem Kampf.

Schüler: Wenn Tohei Sensei also von Willenskraft spricht, meint er den Willen, sich dieser wahren Willenskraft hinzugeben, den Willen, dem Universum zu erlauben, seinen Weg mit uns zu gehen, und dem Aufmerksamkeit zu schenken. Ich danke Dir, Sensei.

Und darf ich eine Frage stellen? Das war etwas, worüber ich mich in dem Shokushu, das Du heute Abend vorgelesen hast, gewundert habe, wo er im Grunde genommen sagte, dass wir mit Willenskraft wichtige Aufgaben bewältigen können. Was meint Tohei Sensei mit wichtigen Aufgaben?

Schau, wir sprechen darüber, wie wir unseren Geist benutzen, richtig? Das ist selbstoffenbarend. Die richtigen Prinzipien mögen uns sagen, wie wir es tun sollen, aber letztendlich müssen wir es selbst sehen. Und doch brauchen wir unendlich viele Prinzipien, endlose und unendlich viele Unterstützung. Und das ist nicht falsch. Der Grund dafür ist, dass es das ist, was uns alle zusammenbringt. Wenn es dieses Bedürfnis nicht gäbe, wäre das alles nur eine Geschichte der Selbst-Erleuchtung. Diese Welt bräuchte als solche gar nicht zu existieren. Wozu bräuchten wir sonst irgend jemanden? Aber wir sind nur ein kleiner Teil des Universums. Wir sind nur ein kleiner Teil des Ganzen. Deshalb kann eine große Aufgabe niemals von einem Einzelnen erledigt werden. Große Aufgaben können nie von jemandem allein erledigt werden, für sich selbst. Okay. Ich danke Dir.

Schüler: Guten Abend, Sensei und alle anderen. Weisst Du, was Alaria gesagt hat, war sehr, sehr viel von dem, worüber ich zumindest versucht habe, nachzudenken, und Deine Antwort war sehr hilfreich. Ich weiß nicht, ob ich es ausdrücken kann, aber Tohei Sensei sagte, dass, wenn wir unsere Willenskraft im Einklang mit den universellen Prinzipien einsetzen, dies unsere Realität wird. Und wir ringen ein wenig mit der Frage, was das in diesem Satz bedeutet.

Eine Idee, die unsere Gruppe hervorbrachte, war, dass, wenn man einfach nur übt, wenn man weiterhin standhaft in der Praxis ist, die Veränderungen in einem selbst auftreten, sich Veränderungen entwickeln, und so die eigene Realität. Du sagtest, dass unsere Realität unsere Praxis wird. Aber ich glaube, unsere Gruppe wollte sagen, dass unsere Praxis zu unserer Realität wird. 

Okay, schau, es ist beides. Es bezieht sich auf die Art, wie wir unseren Geist benutzen. Und Tohei Sensei bezieht sich darauf, dass wir dabei das Universum als unseren Führer sehen. Mit anderen Worten, wir beurteilen nichts als richtig oder falsch. Wir behaupten nicht, dass irgendetwas nicht mit dem Willen des Universums übereinstimmt. Mit anderen Worten, dem Willen des Universums zu folgen, ist der wahre Gebrauch unserer Willenskraft, diese Hingabe des persönlichen Willens. Hingabe an was? Dem Nichts! Denn er geht nirgendwo hin, wenn wir ihn aufgeben. Stattdessen ändert er nur seine eigene Natur. Der wahre Gebrauch unserer Willenskraft besteht darin, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Das bedeutet nicht, dass wir uns irgendeinem Wesen, irgendeinem Gott oder irgendeinem Prinzip ausliefern. Das ist nicht das, was ich mit Hingabe meine. Wir bieten unsere Aufmerksamkeit diesem Moment an, ohne Vorbehalt.

Schüler: Hallo, alle zusammen. Ich muss sagen, dass ich es wirklich genossen habe, was jeder bis jetzt geteilt hat. Es war sehr interessant, wie wir auf unsere eigene Art und Weise mitteilen konnten, wie dieser prinzipielle Prozess in unserem Leben funktioniert, weisst Du, in unseren verschiedenen Erfahrungen. Bis hin zu seiner reinsten Form, nämlich ohne Worte, ohne Konzepte, einfach nur eine wunderschöne Freiheit. Und ich glaube, wir waren alle in der Lage, uns darin wiederzufinden. Wir haben also nicht wirklich eine Frage gefunden. Aber ich denke, es war einfach sehr erfreulich zu hören, was jeder heute Abend zu sagen hatte, auf seine eigene Art und Weise, seine eigenen Erfahrungen teilend.

Ja, ich stimme zu. Sehr schön. Und auch das, was Du über „keine Worte“ sagst. Wir brauchen, wie ich schon sagte, all diese Prinzipien nicht wirklich. Sie sind selbstoffenbarend. All das ist, damit wir zusammen sein können und unsere Erfahrungen miteinander teilen können. Wir haben also eine sehr interaktive Erfahrung in diesen Diskussionen. Ich denke jedes Mal, dass dies meine Lieblingssitzung ist. Ich denke, das ist so wertvoll, so reichhaltig. Vielen Dank an alle dafür.

Schüler: Hallo, alle zusammen. Hallo, Sensei. Eine Sache, die Jack sagte, die ihn am Shokushu der Willenskraft beeindruckt hat, war, dass er schockiert war zu hören, dass der natürlich entstehende Geisteszustand sogar den Sturm und den Donner zum Schweigen bringt, während er vorher dachte, dass Willenskraft bedeutet, zu versuchen, Dinge zu kontrollieren. Und so sagte er, dass das wirklich bei ihm Resonanz fand. Und Linda sagte, dass sie das Gefühl hatte, dass Willenskraft irgendwie dazu benutzt wird, Negativität zu überwinden oder sich auf Ziele zu konzentrieren. Und in der Lage zu sein, Lösungen für das zu sehen, was andere sehen, und sie auf diese Weise zu nutzen. Und Joelle brachte die Willenskraft mit der Kreativität in Verbindung. Sie sagte, wenn sie kreativ ist, fühlt sie sich am erfülltesten und kraftvollsten und es kommt ihr dann ganz natürlich vor. Aber sie hatte auch eine Frage. Sie sagte, dass sie manchmal eine Person sieht, von der sie denkt, dass sie große Willenskraft hat, aber dann fühlt sie sich sehr unwohl bei dem, was passiert. Und ihre Frage war, warum ist das so?

Nun, ich müsste schon etwas Genaueres hören, um das konkret zu beantworten. Ich denke, das ist das, worüber wir schon gesprochen haben. Es gibt die Willenskraft, auf die sich Tohei Sensei bezieht, die es ermöglicht, dass große Dinge geschehen. Universelle Dinge geschehen zusammen mit anderen. Ja. Und dann gibt es die individuelle Willenskraft, die es dem Einzelnen erlaubt, scheinbar große Dinge zu tun und den Ruhm dafür zu ernten. Es liegt also an jedem von uns, das in jedem einzelnen Fall zu analysieren.

Als Individuen müssen wir, wenn es in uns auftaucht, fühlen, ob es gewollt ist oder Hingabe, ob es Nehmen oder Geben ist, ob es Fordern oder Unterstützen ist. Wir können und müssen dies in uns selbst spüren. Nicht um die andere Person zu beurteilen, sondern für uns selbst. Und je mehr wir dem Weg des Universums folgen, desto mehr geht in uns der Alarm los, wenn wir anfangen zu überlegen, was etwas für „mich“ bedeutet. Stattdessen überlegen wir, wie könnte ich es für andere besser machen, kreativer, schöner, sinnvoller? Ein wahrer Künstler weiß bereits, wie er dienen kann. Denn man kann keine Kunst machen, ohne zu geben. Ich meine, die Form muss natürlich da sein. Aber Tohei Sensei lehrt uns auch die Kunst, sich in Beziehung zu anderen Menschen zu bewegen, und wie man sich mit ihnen vereint. Das ist der wahre Wert. Ich danke Dir vielmals. Okay.

Schüler: Guten Abend, allerseits. Um ehrlich zu sein, waren wir am Anfang verwirrt von dem, was Du gesagt hast. Es war sehr viel darin verpackt. Und so irrten wir die ersten paar Minuten irgendwie herum. Eines davon war, dass mindestens zwei von uns in der Gruppe nicht unbedingt sosho im Dojo oder in der Meditation erlebt haben. Und so war es schwer, die drei Stufen, die Du beschrieben hast, zu vergleichen.

Was mir hier in den Sinn kam, als ich für mich selbst darüber nachdachte, war, dass, wenn eine schlechte Erfahrung für jemanden vor meinen Augen passiert, ich mich der Situation stelle. Da ist einfach das Wissen, dass es notwendig ist und jemand Hilfe braucht. Es passiert einfach etwas und ich bin voll da und voll dabei, was auch immer getan werden muss, ob es nun darum geht, mit jemandem zusammenzusitzen oder was auch immer es ist, es gibt einfach keine Frage.

Ich kann hier nicht wirklich eine Frage formulieren, aber ich kann Dir sagen, dass, wenn ich mit jemandem auf der Matte stehe, es wie eine riesige Einladung ist, die sagt: „Probier das jetzt!“ Aber ich gehe nicht immer darauf ein, und ich denke, das liegt daran, dass ich, anders als in der Situation, über die ich gerade gesprochen habe, das Gefühl habe, nach etwas zu greifen.

Roy hat etwas Ähnliches gesagt, nämlich dass er dieses Gefühl auch auf der Matte kennt. Aber die Art und Weise, wie es ihm am vertrautesten wird, ist, wenn er getestet wird, und besonders, sagen wir mal, von Dir persönlich. Okay, Du zeigst ihm also, wie er das einfach machen kann, und Du bist direkt bei ihm. Weisst Du, wenn er in diesem Zustand ist, hat er am Ende das Gefühl, dass er keine Zweifel mehr hat.

Ich verstehe das. Du sagtest, dass Ihr am Anfang der Stunde sehr verwirrt wart. Vielleicht liegt das zum Teil daran, dass die Stunde aus zwei Teilen besteht. Am Anfang stelle ich ein Thema vor. Und dann müsst Ihr erst einmal begreifen, was ich sage. Wie funktioniert das, weisst Du? Aber dann später, wenn Ihr die Diskussion habt, und dann hört Ihr, wie jeder Fragen stellt, und die Antworten, dann könnt Ihr Euch anpassen, weil das alles das ganze Bild klärt. Das ist natürlich der Grund, warum wir das alles haben.

Wenn Du auf der Matte stehst und von einem anderen Schüler angesprochen wirst, und Du siehst das als Einladung, aber es gibt keine Spontaneität, dann liegt das daran, dass Du an Dich selbst denkst, also gibt es keine Möglichkeit, dass Du spontan sein wirst. Aber wenn ich auf Dich zukomme, dann ist alles möglich. Und dann wirst Du eine kleine Erfahrung machen. Diese Situation fordert Dich machtvoll auf, Dein Selbst-Bewusstsein zu vergessen, und Du vergisst Dich für einen Moment. Sieh mich an, genau jetzt. Siehst Du? Wenn wir das haben, dann sind wir alle genau hier und jetzt. Du kannst das also jederzeit für Dich selbst tun, indem Du lernst, auf andere zu hören, statt auf Dich selbst.

Ich bitte die Leute immer, früher ins Dojo zu kommen, weil ich möchte, dass sie sich auf die Matte setzen. Stattdessen, wie Du weisst, reden die Leute oft nur, und manche Leute dehnen sich, und die Leute machen alle möglichen Sachen. Sie nutzen die Zeit nicht so gut, wie sie könnten. Ich möchte, dass Ihr kommt, Euch setzt und zuhört. Mit anderen Worten: Ihr kommt von außen herein und habt vielleicht einen verrückten Tag hinter Euch. Setzt Euch einfach hin und verändert Euren Geisteszustand. Kehrt um in den tiefsten Zustand des Bewusstseins. Erwacht zu dem, wo Ihr seid, was Ihr tut, und was die Gelegenheit wirklich ist. Okay.

Schüler: Sensei, darf ich Dich etwas fragen?

Ja, bitte.

Schüler: Als Du sagtest, dass das Universum alles geschehen lässt. Das hat mich irgendwie verblüfft, weil wir in den Vereinigten Staaten eine Menge Disharmonie, Chaos und Gewalt erlebt haben. Und das wurde von einem Haufen eigenwilliger Individuen verursacht, die sogar einen Aufstand anzettelten. Und trotzdem, nun, ist es das Universum, das das geschehen lässt?

Natürlich, machst Du Witze? Nun, was sollte es sonst sein? Dachtest Du, es war „der Teufel“? Wir sagen „der Teufel war’s“ nur, wenn wir nicht verstehen, warum es passiert. Was könnte es sein, wenn nicht das Universum? Das Universum ist alles, was es gibt. Und so ist die Frage, warum muss ich das sehen? Gib Dich nicht mit irgendeiner politischen Antwort zufrieden, oder einer sozialen Antwort oder einer psychologischen Antwort. Warum muss ich das sehen? Vielleicht kann das nicht jeder sehen oder diese Frage stellen. Aber Du und ich zumindest, wir haben die Freiheit, es als das zu sehen, was es ist. Wir haben die Einsicht, wir haben das Training, wir haben die Option C, Verbindung. Wir haben die Verantwortung, zu wissen, was diese chaotische Gewalt ist. Das ist Option A, kämpfen. Wir wissen das. Und ich habe an diesem Tag sogar Leute gesehen, die an der Seite standen und Option B taten, sich zurückhielten und es den anderen überließen, sich darum zu kümmern. Aber ich habe überhaupt keine Option C gesehen. Nein. Also ist das unsere Aufgabe. Es mit dieser Verbindung zu sehen. Nicht es zu sehen und grob mit Option A darauf zu reagieren, oder es gar abzutun wie bei Option B. Nein, wir verbinden uns mit diesen Menschen. Option C bedeutet, sich zu verbinden. Es ist eine enorme Einladung.

Student: Ja, Option C wurde von dem Mann genutzt, der einige der Demonstranten von den Kongressabgeordneten wegführte, die sie suchten. Er hat wirklich Aikido gemacht, dieser Polizist.

Ja, das hat er. Ja, denken wir also daran, dem Weg des Universums zu folgen bedeutet, dass etwas relativ „falsch“ sein mag, aber letztendlich ist nichts falsch, weil wir offensichtlich diese Demonstration unserer eigenen Willkür, unserer eigenen Unaufmerksamkeit als eine Gruppe von Menschen, als ein Land, brauchen. Es mag für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge bedeuten, aber egal, was es ist, es ist mit Respekt und Ehre zu beachten. Das ist es, was die Leute im Mob nicht getan haben. Aber das bedeutet nicht, dass wir so sein müssen. Wir sinken oder erheben uns auf das Niveau, als was wir etwas beurteilen.

Ich danke Euch vielmals. Ich werde jetzt gehen. Domo arigato gozaimasu.

(Online Training vom 26. Februar 2021)