Unnötiges Leiden

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Guten Abend allerseits. Onegaishimasu.

Heute Abend werden wir den folgenden Spruch von Koichi Tohei Sensei besprechen:

„Die Menschen leiden, weil sie abhängig sind von Unnötigem.“

Sayaka, würdest Du das bitte auf Japanisch vorlesen? (Sayaka liest)

Ich danke Dir. Ich werde Euch jetzt noch einen weiteren Spruch von Tohei Sensei vorlesen. Dieser ist sehr ähnlich und weist in dieselbe Richtung. Und dieser ist derjenige, den er als Kalligraphie auf die Keramikplatte gedruckt hat, die er jedem überreichte, der 50 Jahre oder länger Mitglied im Shinshin Toitsu Aikido war.

Hier ist der Text auf Japanisch:

„Sara sara to todoko oranuga hotoke nari yokimo ashikimo koruwa oni nari“

Sayaka, kannst du das bitte auch für uns lesen? (Sayaka liest)

Danke schön.

Okay, auf Englisch heißt das:

„Lass dein Ki fließen wie einen Fluss und lass es nie aufhören. An etwas hängen zu bleiben, ob gut oder schlecht, ist nie gut. Die Vergangenheit kehrt nicht zurück. Alle menschlichen Wesen klammern sich an die Vergangenheit. Das Universum bleibt nie stehen.“

Also noch einmal: „Die Menschen leiden, weil sie sich an das klammern, was unnötig ist.“

Eine der wichtigen Bedeutungen davon ist, dass wir dazu neigen, zu versuchen das zu wiederholen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Wir spielen damit herum, und versuchen es immer und immer wieder in unser Gedächtnis zurückzubringen. Selbst wenn es eine schlimme Sache ist, die in der Vergangenheit passiert ist, neigen wir dazu, uns daran zu klammern und es immer wieder auf uns wirken zu lassen, anstatt es loszulassen.

Und zusätzlich wollen wir dann kontrollieren, was wir uns vorstellen was in der Zukunft mit uns passieren wird. Und wir denken darüber nach, welche guten und welche schlechten Dinge uns in der Zukunft passieren könnten, und hin und her machen wir uns darüber Sorgen. Mit anderen Worten, wir kämpfen. Dieses Ringen ist eine andere Form des Leidens. Wenn wir so kämpfen, ist das Leiden, das wir uns selbst zufügen, indem wir uns von etwas abhängig machen, das nicht existiert. Nicht nur nicht notwendig ist, sondern gar nicht existiert. Es gibt nur diesen Moment hier. Wir leben nur hier, in der Gegenwart, und die Zukunft kann sich um sich selbst kümmern, wenn wir dort ankommen.

„Unnötig“ bedeutet also oft nur „existiert nicht“. Natürlich ist alles, was wir tun, dazu da, uns eine Art von Seelenfrieden oder Glück zu bringen. Wir tun all das, weil wir dem Irrglauben verfallen sind, dass die Vergangenheit uns irgendwie Glück bringt, oder weil wir versuchen, die Zukunft zu kontrollieren und uns ständig vorstellen, dass sie uns auch eine Art Seelenfrieden, eine Art Glück bringen wird. Natürlich ist das nie der Fall, egal wie wir es angehen. Und da dies von etwas abhängt, das entweder nicht mehr oder noch nicht existiert, ist es nicht nur unklug, das zu tun, sondern es trägt zu unserer geistigen Instabilität bei. Ja, sagen wir es einfach – es ist verrückt, dass wir uns das antun, oder?

Okay, eine weitere Bedeutung davon ist, dass wir uns gerne an das klammern, was angenehm ist, und das vermeiden, was schmerzhaft ist. Ich weiß, dass ihr mit dieser Geschichte sehr vertraut seid, weil wir dazu neigen, das den ganzen Tag zu tun, jeden Tag. Aber das bedeutet, dass die Geschichte es wert ist, wieder und wieder und wieder angesprochen zu werden, bis wir anfangen zu verstehen, wie fruchtlos das unnötige Leiden ist, das wir uns selbst zufügen, wenn wir uns an etwas klammern, das uns keinen Seelenfrieden, keine Ruhe oder Glück bringen wird.

Richtig. Es läuft also immer wieder auf die Aufmerksamkeit hinaus, nicht wahr? Hier sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen falschem Gewahrsein und wahrem Gewahrsein.

Lasst uns etwas Ki-Atmung machen und dann können wir darauf zurückkommen. 

(Ki-Atmung 20 Minuten)

Okay, also, wie ich schon sagte, sind wir wieder da, wo wir immer enden, nämlich beim Üben von Gewahrsein. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir mit unseren angewöhnten Denkgewohnheiten, unseren Konditionierungen umgehen. Aber wenn wir am Ende über uns selbst schimpfen und sagen: „Das ist falsch, falsch, falsch, ich darf nicht an die Vergangenheit denken oder an die Zukunft gebunden sein“, dann werden wir uns natürlich noch mehr in den Wahnsinn treiben. Das ist vielleicht genauso destruktiv wie die Gewohnheit selbst.

Nun gut. Es ist also sehr wichtig, wie wir das in uns selbst handhaben. Deshalb habe ich gesagt, dass wir gleich wieder bei der Aufmerksamkeit oder dem Bemerken sind. Es ist nicht das Ziel, in der Meditation zu sitzen und nie, nie einen Gedanken aufkommen zu lassen. Ich muss leider sagen, dass ihr für den Rest eures Lebens von Gedanken heimgesucht werdet, egal was passiert. Gedanken sind ein Teil des Lebens. Nun kommt es natürlich darauf an, wie wir mit diesen Gedanken umgehen. Anstatt also zu versuchen, sie wegzuschieben oder sie als oder sie als unerwünscht zu bezeichnen oder uns sogar dafür zu kritisieren, dass wir sie haben, lassen wir einfach zu, was auch immer passiert. ABER, wir bleiben bewusst. Wir bemerken, welcher Gedanke auch immer auftaucht.

Nun, ich habe das schon mal gesagt, und andere Lehrer haben es viele Male gesagt. Der Geist ist wie der Himmel, und Gedanken sind wie Wolken an diesem Himmel, sie schweben einfach dahin, manchmal werden die Wolken sogar zu einem riesigen Sturm. Aber das stört den Himmel nicht, oder? Wolken, Vögel, sogar Flugzeuge. Der Himmel ist nicht beleidigt. Der Himmel macht sich keine Sorgen. Das ist Bewegung in einem offenen Raum. Der Himmel selbst bleibt immer klar, egal was passiert.

Fällt Euch auf, dass wir, wenn wir etwas in der Gegenwart haben, das wir lieben, gegen Veränderungen sind? Wir wollen, dass es so bleibt. Und wenn wir etwas in der Gegenwart haben, das wir nicht lieben oder vor dem wir Angst haben, wollen wir, dass die Veränderung sofort kommt. Plötzlich sind wir die größten Fans von Veränderungen!

Aber Veränderung findet immer statt, egal, was wir denken. Egal, welche Art von Wolkenbildung stattfindet, egal, welche Denkstruktur in unserem Geist entsteht, alles ist ständig im Fluss, ständig im Wandel. Und unser Geist selbst ist wie der klare Himmel. Darin tauchen Dinge auf, die wir Gedanken nennen. Sie haben mit der Vergangenheit und der Zukunft zu tun. Oder? Zeug taucht im Geist auf, aber der Geist selbst ist leer von Eigenschaften. Er ist wie ein klarer Himmel, ein leerer Himmel. Und was auch immer auftaucht, es stört den Geist nicht.

Damit wir diese Klarheit erfahren können, müssen wir natürlich sehr ruhig sein und alles mit Gleichmut behandeln. Nichts ist besonderer als etwas anderes. Nichts ist schlechter als etwas anderes. Alles ist nur etwas, das entsteht. Einfach etwas, das im Geist entsteht. Um diese Art von Ruhe und Klarheit zu haben, müssen wir eine scharfe Aufmerksamkeit entwickeln. Denn mit lascher Aufmerksamkeit gibt es keine Ruhe. Ruhe ist ein Nebenprodukt davon, in tiefer Aufmerksamkeit zu sein.

Heute Abend ist John Euer Moderator. Bitte hört auf ihn. Er wird Euch in Euren Räumen zusammen führen, wo Ihr dieses wichtige Thema besprechen könnt. Ich danke Euch.

(15 Minuten Diskussion)

In Ordnung, fangen wir an.

Schüler: Wir haben gerade darüber gesprochen, wie sich das in unserem Leben auswirkt. Lucky hat darüber gesprochen, wie er sich über seine Geschwister geärgert hat, weil sie Dinge taten, die er nicht mochte. Und er erkannte, dass er damit besser umgehen könnte. Aber trotzdem hielt er an etwas aus der Vergangenheit fest und ließ zu, dass es ihn störte. 

Dann gab uns Roy dieses wunderbare Beispiel, wie er an einem Freitagnachmittag zu Safeway fährt, wenn sie ihre Sonderangebote haben, und an eine bestimmte Kreuzung kommt und feststellt, dass der Verkehr sehr langsam läuft, weil die Ampeln ausgefallen sind. Zuerst war er ein wenig verärgert, dann entschied er, dass er einfach umdrehen und nach Hause fahren könnte. Und er berichtete, dass er, als er nach Hause kam, glücklich war. Und er musste nicht haben, was auch immer im Angebot war. Also konnte er das einfach so gehen lassen. 

Und Kayomi hatte auch ein wirklich schönes Beispiel. Sie sagte, dass sie, als sie mit Depressionen zu kämpfen hatte, ein Treffen mit Naluai Sensei hatte, der ihr sagte, dass er im Dojo sein würde, bis sie käme. Und wenn das den ganzen Nachmittag dauerte, würde er immer noch da sein, wenn sie dann schließlich ankam. Also ging sie zu ihm. Und er sagte ihr, dass sie das Äquivalent dazu tat, eine heiße Kohle in ihrer Hand zu halten. Und sie hätte die Wahl, sie festzuhalten oder sie loszulassen. Sie fand heraus, dass das Leiden vom Festhalten dieses negativen Gedankens herrührte, und als sie ihn loslassen konnte, ging das Leiden weg.

Eine andere Sache, die wir besprochen haben, ist, dass wir dazu neigen, öfter in diese Situation zu geraten, wenn wir allein sind, als wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass wir nicht so präsent sind, wenn wir allein sind. Wir sind unabhängiger von der Meinung anderer Leute? Oder wir wollen einfach nur gut aussehen, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, so dass wir uns nicht mehr so sehr über Dinge aufregen, wie wir es vielleicht tun, wenn wir allein sind. Wir sind netter zu uns selbst, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind.

Nun, wir neigen sicherlich viel mehr zum Tagträumen, oder uns über etwas zu sorgen oder uns aufzuregen, wenn wir allein sind. Aber in erster Linie ist es natürlich eine Frage der Aufmerksamkeit, nicht wahr? Wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, sind wir gezwungen, aufmerksam zu sein. Vielleicht sind wir noch nicht in der Lage, in einem tiefen Zustand der ruhenden Aufmerksamkeit zu sein. Aber zumindest sind wir bis zu einem gewissen Grad außerhalb von uns selbst, wenn Menschen zu uns sprechen und uns auffordern, etwas mit ihnen zu tun. Zumindest dann haben wir ein gewisses Gefühl dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf mehr als nur unsere eigenen Vorstellungen richten müssen.

Wenn wir hingegen alleine sind, neigen wir vielleicht dazu, einfach in unseren Fantasien aufzugehen. Manche Menschen haben Dinge, nach denen sie ständig süchtig sind, vielleicht aufgrund von etwas, das ihnen vor langer Zeit widerfahren ist und von dem sie einfach nicht loslassen können. Oder manchmal ist es ein Traum, den wir als ein Ziel ansehen. Wir träumen davon, dass, wenn wir uns weiter darauf konzentrieren und uns wünschen, dass es passiert, es vielleicht eines Tages wahr wird. Denken – Vergangenheit und Zukunft.

Wenn wir eine solche Art von Voreingenommenheit haben, neigen wir dazu, wann immer wir einen Moment für uns haben, in dieses Traumland zu fallen, in diese Vorstellung, anstatt in Aufmerksamkeit zu sein. Deshalb ist wahre Meditation so wichtig, damit wir unsere Zeit damit verbringen zu lernen, in tiefer Aufmerksamkeit zu ruhen. Und das wirft diese Art von selbstbezogener, gewohnheitsmäßiger Sehnsucht, die eigentlich nur ein Schlafland ist, völlig ab. Tagträumen, Wünschen, Hassen, Begehren, Hoffen, Kämpfen, Leiden, all das wird abgelegt, wenn wir einfach nur wahrnehmen, was tatsächlich vor sich geht, auf einer sehr tiefen Ebene, in uns.

Und natürlich, je besser wir darin werden, auf das aufmerksam zu sein, was tatsächlich ist, wenn wir allein sind, desto nützlicher sind wir dann, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, und ihnen dienen. Ich liebe Deine Geschichte über das Loslassen der heißen Kohle. Das ist eigentlich ein sehr altes Zen-Sprichwort, und so wahr. Ist es nicht erstaunlich, dass wir an diesen Dingen festhalten, die uns verrückt machen, und sie einfach nicht loslassen können? Okay, nächste Gruppe, bitte.

Schüler: Im Grunde ist unsere Frage, was ist die Definition von „unnötig“?

Okay, also vielleicht war etwas, das gestern passiert ist, gestern sehr wichtig. Und vielleicht ist etwas, das bald passieren wird, auch sehr wichtig für uns. Jedoch, im Moment passiert es nicht. Es ist also in diesem Moment unnötig, auch wenn es später sehr wichtig sein könnte. Also bedeutet „unnötig“ nicht, dass es unwichtig ist. Es bedeutet nur, dass es in diesem Moment unnötig ist. 

Der andere Teil davon ist, dass wir einfach dazu neigen zu denken, dass Dinge, die für uns angenehm sind, notwendig sind. Und Dinge, die uns unbehaglich machen, sind unnötig. Aber oft ist es genau umgekehrt. Sehr oft ist das, was uns am angenehmsten ist, eigentlich nicht sehr nützlich für uns. Es könnte uns sogar in irgendeiner Weise in die Irre führen, weg von etwas, dem wir wirklich Aufmerksamkeit schenken müssten. Und wenn uns etwas unbehaglich ist, kann es sehr wichtig für uns sein. Es ist also oft so, dass, obwohl wir etwas loswerden wollen, es das ist, was wir umarmen und dem wir Aufmerksamkeit schenken sollten. Und vice versa. Offensichtlich wissen wir nicht, was wirklich notwendig ist, bis es eintrifft. Und manchmal auch erst, wenn es uns bereits verlassen hat.

Schüler: In unserer Diskussion ging es um Gedanken und unseren Geist und wie das alles funktioniert. Diese Idee, von der Du vorhin sprachst, war für einige von uns nicht klar. Und so, nun, eine Person sagte, dass, wenn ihr Verstand sehr beschäftigt ist, und sie das bemerkt, dann hält sie Onepoint und plötzlich ist das so, als ob sie diese Art von klarem Verstand hätte. Wir haben auch diese Idee angesprochen, dass wir an einem Ort feststecken und dadurch aus dem Fliessen des Flusses herausgenommen werden. Und das ist natürlich der Grund, warum Du uns das heute Abend vorliest. Natürlich, im Fluss zu sein ist wie wir sein wollen, also was ist es, das uns veranlasst, ständig zu diesem Stress, diesem Anhaften, Stehenbleiben, Leiden zurückzukehren? Selbst wenn wir wissen, dass wir das nicht tun sollten, vergessen wir es trotzdem. Ich meine, vielleicht ist es bei jedem Menschen anders? Aber gibt es so etwas wie ein Fundament? Es scheint, als gäbe es einen grundlegenden Fehler, den wir da machen. Selbst wir wissen und verstehen, dass es da ist. Und trotzdem tun wir es. Richtig? Und trotzdem leiden wir noch.

Okay, danke. Also, da gibt es ein paar Fragen. Es mag sein, dass es eine gute Antwort auf all diese Fragen gibt, wie Du sagst. Aber es kann auch sein, dass eine einzige Antwort für die meisten Menschen nicht genug ist. Tohei Sensei sagt: „Lass dein Ki fließen wie einen Fluss.“ Unser Ki ist wie unsere Aufmerksamkeit, richtig? Wenn ich also Ki dorthin ausdehne, bedeutet das, dass ich meine Aufmerksamkeit verändere. Wenn ich dir meine Aufmerksamkeit schenke, dehne ich Ki hier zu dir aus. Wenn ich mich hinsetze, um zu essen, dehne ich Ki auf das Essen aus.

Manchmal denken wir, wir hätten das Privileg, den Fluss jederzeit anzuhalten und etwas zu untersuchen, richtig? Aber das können wir nicht, weil der Fluss einfach ohne uns weiter fließt. Und wir sind gefangen, weisst Du, am Ufer mit heraushängender Zunge, und denken, wir sehen dasselbe, aber es ist nicht dasselbe. Es verändert sich ständig, fließt weiter. Wann immer wir also versuchen, etwas anzuhalten, um es zu untersuchen, ist das, was wir untersuchen, nicht das, was wir denken, dass wir es untersuchen.

Der Geist ist eine leere Plattform. Oder wir können sagen, es ist eine leere Leinwand, wie eine Kinoleinwand. Und bis wir etwas auf der Leinwand zeigen, ist dort nichts. Es ist einfach leer, es ist nur eine Leinwand. Der Geist selbst ist nur das, was alles erlaubt zu sein. Er ist der Grund des Seins selbst. In der Tat wird er oft „Der (Ur)Grund des Seins“ genannt. Wenn nun also etwas in unserem Geist auftaucht, ein Gedanke, dann fließt dieser Gedanke durch unseren Geist. Seine Zeit läuft ab, und so läuft das Leben ab. Und unsere immerwährende Bildung, diese Bildung, die wir erhalten, indem wir durch unser Leben gehen, ist ständig im Fluss und in Bewegung und verändert sich, informiert uns und lädt uns ein, in völliger Aufmerksamkeit und Harmonie damit zu sein, zu fließen und dem Weg des Universums zu folgen. Mit anderen Worten: Wir folgen dem, was auf natürliche Weise geschieht, so wie es sich auf dieser leeren Leinwand zeigt. Es ist einfach ein Schauspiel. Wenn wir also schließlich sagen: „Okay, ich habe etwas in meinem Geist bemerkt“, nun, dann ist da Gewahrsein.

Ein Geist in Gewahrsein ist wie ein extrem empfindlicher Tisch. Und wenn eine Fliege auf diesem Tisch landet, merken wir das sofort. Wenn wir stattdessen in all den Gedanken, dem Chaos und der Verwirrung gefangen sind, dann werden wir sehr dumpf und unempfindlich. Und dann merken wir nicht einmal, wenn etwas auf das Grund des Seins knallt. Dann verpassen wir 99% unseres Lebens, weil wir feststecken und versuchen, den Fluss zu stoppen und uns an verschiedene Aspekte zu klammern.

Eine andere Sache, die ich erwähnen möchte, ist, dass wir alle einen klaren, leeren Geist haben. Jeder hat das, denn das ist die Natur des Geistes. Eurer, meiner, der von allen. Aber wir wissen das nicht und wissen nicht, wie wir das erfahren können. Normalerweise denken wir nur, dass wir die Gedanken sind. So erfahren wir nicht den Urgrund selbst. Wir erfahren nicht die Grundlage des Lebens selbst. Das bedeutet, dass wir nicht wissen können, dass der Geist frei und klar ist, selbst wenn er es ist.

Wir bleiben im klaren Gewahrsein, indem wir dieses Ausbrechen, Entstehen, Hervorkommen, die sich kreativ entwickelnde Evolution von allem wahrnehmen. Das, was wir in diesem Moment erleben, ist Evolution, die ultimative Kreativität.

Aber ist es nicht komisch, wir achten nicht darauf, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, kreativ zu sein, und uns dann wundern, warum wir feststecken, wenn wir eine Schreibblockade haben? Wir müssen einfach in der Achtsamkeit sitzen, den fließenden Fluss bemerken und eins sein mit dieser sich entwickelnden Veränderung.

Schüler: Hallo Sensei. Joelle sagte, sie habe erkannt, dass wir nichts kontrollieren können. Aber trotzdem, wenn jemand zu spät zu einer Verabredung kommt oder so, macht sie sich Sorgen, wo sind sie, weisst Du, da ist etwas passiert.

Und dann wollten sie, dass ich eine Frage stelle. Warum machen wir uns Vorwürfe, weil wir eine Sache getan haben, obwohl wir eine andere hätten tun sollen? Ich habe neulich die Unterrichtsstunde von Tracy Reasoner Sensei über otomo gesehen. Und in der Tata dämmerte es mir, dass wir unser eigener otomo sein müssen. Denn ich würde auf keinen Fall etwas Falsches tun, auch nicht für meinen Sensei. Aber es ist eine so intensive Erfahrung, ständig in diesem Geisteszustand zu sein, in diesem Bewusstsein, dass es für uns einfach erschöpfend ist. Die Frage ist also, wie man sein eigener otomo sein kann. Du weisst schon, damit man diese Dinge nicht tut, wegen denen man sich selbst fertig macht? Weil man das nie tun würde, wenn man in dem Moment wirklich otomo ist. Ja, wie halten wir diese Intensität aufrecht, ohne unsere Schaltkreise zu verbrennen?

Ja. Das ist so eine zeitlose Frage. Jeder fragt sich ständig, nicht nur, wie kann ich ein otomo sein? Obwohl man das auch so sehen kann. Aber noch mehr: „Wie bin ich mein eigener Sensei?“ Wenn du dein eigener Sensei bist, und er in dir lebt, dann ist alles, was du tust, anders.

Aber auf die Frage, wie man dabei bleibt und das Bewusstsein des Sensei immer in sich trägt, habe ich keine Antwort für Dich. Es ist einfach überwältigend wichtig für Dich geworden. Oder?

Ich höre meinen Sohn zu seinem fünfjährigen Sohn sagen: „Wenn du nicht brav bist, kommt die Polizei und holt dich, oder der Weihnachtsmann gibt dir keine Geschenke.“ Er hat Angst davor, keine Sachen vom Weihnachtsmann zu bekommen. Und er hat Angst, dass die Polizei kommt und ihn holt, also funktioniert es. Für einen Moment ist er ein guter Junge. Unsere Eltern hatten also diese kleinen Motivatoren, die sie benutzten, als wir aufwuchsen, und so neigen wir jetzt dazu, uns auf dieselbe Weise zu prügeln. Aber stattdessen muss echte Motivation für uns positiv motivierend sein. Und wenn wir wirklich sehen, wie irrsinnig es ist, nicht existierende Dinge in unserem Kopf herumzutragen, dann ist das vielleicht der Moment, in dem wir sagen: „Oh, ich muss jetzt aufpassen!“

Schüler: Hallo, Sensei. Wir haben verschiedene Dinge besprochen, aber anscheinend gab es das Gefühl, das wir gemeinsam hatten, nämlich dass wir uns der Tatsache bewusst sind, dass wir während unserer Aikido-Praxis, die das sein kann, was wir im Dojo tun oder was wir in diesen Zoom-Stunden hier tun, oder sogar in unserer Meditationspraxis, da erfahren wir die Schönheit der Aufmerksamkeit und des Verbundenseins mit dem, was geschieht. Das ist also unsere Aikido-Praxis. Und dann bemerken wir und sind uns der Tatsache bewusst, dass wir im Alltag versagen, dass wir nicht in der Lage sind, uns mit Menschen zu verbinden oder dass wir nicht in der Lage sind, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben. Auch wenn wir während dieser stressigen Situationen vielleicht bemerken, dass wir nicht in der Lage sind, so zu sein, wie wir es gerne hätten. Zum Beispiel weiß ich bei meiner Arbeit manchmal, dass ich mich nicht auf die richtige Weise mit meiner Umgebung und den Menschen um mich herum verbinde. Ich wünschte, ich könnte es tun, aber ich schaffe es nicht. Und das ist ein Problem für mich, weil ich nach der Lösung suche.

Du hast erwähnt, dass wir denken, dass wir die Möglichkeit haben, den Fluss zu stoppen. Ja, vielleicht ist das einer der Schlüssel. Manchmal, im Rahmen meiner Arbeit, wünschte ich, ich könnte den Fluss anhalten. Ich wünschte, ich könnte den Leuten sagen: Seht her, wir könnten diese Dinge anders machen. Wir könnten auf eine andere Art und Weise miteinander interagieren. Aber nein, der Fluss fließt und dann habe ich meine kleinen mentalen Vorstellungen, und mein Plan passt nicht, und dann werde ich irgendwie frustriert und bin nicht glücklich. Ich merke also, dass ich eine Art von Leiden entwickelt habe. Natürlich kann ich damit umgehen, aber es ist da.

Die Frage ist also: Ja, wir bemerken, dass es eine Reihe von Dingen gibt, die wir verstehen. Aber dann merken wir auch, dass wir versagen, und dass wir nicht das erreichen, was wir gerne erreichen würden.

Ich danke Dir vielmals. Ich denke, das ist ziemlich verbreitet. Jeder versteht das, ja? Ja. Sehr verbreitet. Wir alle erwarten ein bestimmtes Ergebnis, und wir sind enttäuscht, wenn dieses Ergebnis nicht eintritt. Dann sind wir der Meinung, dass wir versagt haben. In Deinem Fall bemerkst Du vielleicht, dass Du leidest, dass Du Dich ärgerst, weil Du nicht aufmerksam genug warst. Du hast die Erwartung oder das Verlangen, auch unter den schwierigsten Umständen ruhig zu bleiben. Tun wir das nicht alle? Wir stehen unter einem großen Druck, dies zu tun. Aber das braucht einfach Übung.

Einmal waren wir im Aikido-Hauptquartier, und es war die große Eröffnungsfeier des Ki no Sato, wir waren zum Abendessen versammelt, und Tohei Sensei saß am Haupttisch mit über 100 Leuten im Raum. Und dann kam Frau Tohei, Senmu, herein. Und sie war so aufgebracht, dass sie schrie. Und Tohei Sensei sah mit einem großen finsteren Blick zu ihr hoch, und ich dachte: „Oh mein Gott“, und dann sagte er ganz ruhig: „Ja, ich stimme Dir vollkommen zu. Sehr gut. Es wird sich sofort darum gekümmert.“ Jemand sagte mir: „Oh, das liegt daran, dass er sie so sehr liebt.“ Nun, ja, natürlich. Aber mehr als das, wisst ihr, ich sah seine Wut in ihm aufsteigen. Und ich sah, wie er das im Gewahrsein wahrnahm. Das ist alles, was er jahrelang geübt hat, einfach im Gewahrsein zu sein. Und sobald er sah, was getan werden musste, veränderte das seinen eigenen emotionalen Zustand. Das war ein sehr kraftvoller Moment für mich. Er hat sich nicht dafür geprügelt, dass er wütend war. Er hat sich einfach verändert. Und sofort hat er es losgelassen. Wir haben also tatsächlich ein Mitspracherecht, ob wir an der heißen Kohle festhalten, wenn auch nur für einen Moment, oder ob wir loslassen.

Schüler: Ich danke Dir sehr. Und ja, Tatsache ist, dass ich manchmal glaube, dass ich tatsächlich den Onepoint bewahre, in dem Sinne, dass ich aus etwas, das ich als chaotisch empfinde, einen Sinn erkenne, oder ich behalte den Onepoint, weil ich immer noch, immer noch weitermache. In gewisser Weise halte ich also den Onepoint, aber trotzdem werde ich immer noch von meinen Emotionen verprügelt.

Dies ist ein Prozess. Das ist nicht etwas, das statisch ist, ja? Es ist im Fluss. Es verändert sich. Es entwickelt sich die ganze Zeit. Es ist nicht entweder schwarz oder weiß. Zum Beispiel, okay, du hältst nicht den Onepoint, weil du verärgert bist. Eigentlich hast Du eine Menge Training hinter dir. Und Du bist wahrscheinlich viel präsenter mittendrin als jeder andere im Raum. Du hast immer noch einige Emotionen, die da drin stecken, und das hemmt Dich vielleicht ein kleines bisschen. Aber das wird sich nach und nach ändern. Es ist also alles in Ordnung, das ist alles. Ich danke Dir.

Ich danke Euch allen sehr. Und ich freue mich darauf, Euch am Sonntag zu sehen. Domo arigato gozaimasu.

(Online Training vom 5. März 2021)