Tiefes Betrachten

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Hallo Euch allen, es ist sehr schön euch zu sehen. Ich werde zu Anfang das Shokushu # 17 lesen, Reiseishin

“Uns menschlichen Wesen wurde ein Geist gegeben, der direkt mit dem Universum verbunden ist. Dies ist Reiseishin. Wenn Wasser zur Ruhe kommt, kann es den Mond klar reflektieren. Wenn unser Geist ruhig wird, kommt Reiseishin klar und unverkennbar zum Vorschein. Sobald dieser Geist zum Vorschein kommt, verschwinden in diesem Moment jegliche selbstsüchtige Sehnsüchte und Verlangen, und der universelle Geist von Liebe und Schutz für alle Dinge scheint hervor. Lasst uns unser Reiseishin zum Strahlen bringen.” 

Nun, heute Abend ist unser Thema: “Etwas tiefgehend zu betrachten heisst, beim Denken den Onepoint zu bewahren.” 

Lasst uns beginnen und Sayaka Reasoner bitten, das für uns bitte auf Japanisch zu lesen. (Sayaka liest) 

Wenn wir sagen “etwas tief gehend zu betrachten”, dann meinen wir üblicherweise, dass uns eine Frage beschäftigt die sehr wichtig für uns ist, und auf die wir meinen eine Antwort zu brauchen. Zum Beispiel, sollte ich heiraten oder nicht heiraten? Sollte ich diesen Job annehmen oder jenen? Sollte ich zu der Person, die mich gerade beleidigt hat, etwas sagen oder nicht? Ja oder nein? Und wir ringen um eine Antwort. Wenn wir denken diese Frage zu betrachten, dann machen wir vielleicht eine Liste mit den Vor- und Nachteilen, um zu versuchen, die Antwort mit unserem kleinen, logischen Geist heraus zu bekommen. Nun, leider muss man feststellen, dass dieser Geist es niemals sehen kann. Dieser kleine Geist findet die Antwort nicht. Und deswegen möchte ich nahelegen, dass wenn Tohei Sensei sagt, etwas tief gehend zu betrachten heisst beim Betrachten den Onepoint zu halten, dann spricht er von einem völlig anderen Zustand des Geistes. 

Es bedeutet, zu betrachten ohne sich abzumühen.

Okay. Lasst uns ein wenig Ki-Atmung machen. 

(10 Minuten Ki-Atmung) 

Etwas tief gehend zu betrachten und dabei den One point zu behalten ist keine einfache Sache. Ich kann in der Tat sehen, warum Tohei Sensei diesen Ausspruch formulierte, denn er repräsentiert unsere gesamte Praxis, oder nicht? 

Auch wenn du etwas mit Bedeutung sagen willst, dann musst du dafür im Onepoint im Unterbauch ruhen. Wenn du eine Aktion effektiv ausführen willst, genau das gleiche. Du musst den Einen Punkt im Unterbauch halten. Das ist genau wie beim klaren und tiefen Nachdenken, du musst dabei den Onepoint behalten. Das ist alles das gleiche. 

Tohei Sensei unterrichtete uns, wenn wir mit Konflikt konfrontiert werden, dann haben wir drei Wahlmöglichkeiten. Option A, Option B, oder Option C. Option A ist wenn du nachdenkst und dich abmühst und versuchst die Antwort zu finden. Die Vorzüge und die Risiken abwägend, tust du nichts anderes als dich damit  abzumühen, du kämpfst im Inneren mit dir selbst, und das wird dir niemals die korrekte Antwort bringen. Du wirst niemals den Teil in dir zufrieden stellen der zufrieden gestellt werden möchte. Also, Option A funktioniert beim Denken nicht besser als beim Sprechen oder bei einer Bewegung oder Handlung. Und das Zweite ist Option B. Option B ist, wenn wir aufgeben oder kollabieren angesichts dieser Sache die uns sehr wichtig ist und uns konfrontiert. Aber, wir geben nicht auf. Wir lassen es nicht einfach unbeachtet stehen, nur weil wir keine Antwort finden. Wir folgen nicht Option B. 

Stattdessen folgen wir Option C. Option C zu folgen ist was Tohei Sensei uns nahelegt zu tun wenn wir etwas tief gehend betrachten. Onepoint zu halten heisst präsent zu sein. Onepoint ist der Ort in unserem Geisteszustand, der den Übergang zwischen der physischen, relativen, oder limitierten Welt, und der Unendlichkeit oder dem Universellen darstellt. Tohei Sensei nannte es immer den “Universellen Geist”. Onepoint ist die Schnittstelle zwischen dem kleinen Geist und dem universellen Geist.

Natürlich ist dann die wirkliche Lösung für eine Situation zu finden sehr selten das Finden einer spezifischen Antwort, dieses oder jenes. Nein. Stattdessen ist es, endlich in der stillen, ruhigen, gleichmütigen Präsenz der Unendlichkeit, des großen Ganzen, der universellen Perspektive zu ruhen. Und wenn wir das tun, dann wissen wir wenn etwas wahr ist. Wir entdecken, dass wenn wir in diesem universellen Zustand unseres Geistes sind, dann ist es nicht länger ein Problem. Es ist nicht als wenn du sagst „Oh genau, jetzt weiß ich die Antwort!“ Nein. In diesem Zustand des Geistes wissen wir nun was zu tun ist. „Oh, ich muss den One point halten!“ Und dann, in diesem Zustand des Geistes, werden wir immer wissen, in jedem Moment, was notwendig ist.

Anstatt mit Option A oder Option B zu reagieren, antworten wir immer durch Verbinden, Option C. In diesem Fall verbinden wir uns in uns selbst mit dem Universellen, mit dem was nicht ausgesprochen werden kann. Nun ja, wir werden so nicht die Art von Antwort erhalten die unser kleiner, frustrierter, kämpfender, dämonischer Geist von uns verlangen mag. Das werden wir definitiv nicht finden, denn das existiert als solches gar nicht. In dieser Welt hier ist alles relativ. Und welche Entscheidung wir auch immer treffen, welche Antwort auch immer wir auswählen, kann entweder gut oder schlecht sein, je nachdem wie wir es betrachten. 

So treffen wir also nicht eine Entscheidung. Zum Beispiel, wenn du ein Training oder ein Seminar unterrichtest, oder so eine Zoom-Session hier unterrichtest. Es gibt immer ein ausgewähltes Thema für die Stunde, und ich weiß vorher worüber ich mit euch heute sprechen möchte. Ich kann mich jedoch nicht hinsetzen und denken: „Okay, was soll ich sagen, das für sie von Bedeutung ist?“ Nun, natürlich möchte ich euch unterstützen, auf eine sehr tiefe und wertvolle Weise. Aber mein kleiner Geist wird sich das nicht ausdenken können, Leute. Wahre Unterstützung ist auf diese Weise nicht verfügbar. 

Der Mensch kann nur das ausdrücken was relativ ist. Er kann das unendliche nicht ausdrücken, da es für das Unendliche keine Worte gibt. Es ist von seiner Natur aus unerfassbar, es gibt kein Konzept dafür. Also, es ist für ein menschliches Wesen unmöglich das Universelle auszudrücken. Aber das Universelle kann sich durch ein menschliches Wesen ausdrücken. Es kann es durch uns menschliche Wesen zulassen erkannt zu werden. Alles was wir tun müssen ist den Onepoint zu bewahren. Alles was wir tun müssen ist uns selbst zu erlauben in dem ruhigen, stillen Gleichmut der Einheit von Geist und Körper zu ruhen. Und dann wird was auch immer geschehen muss auch geschehen, was auch immer erkannt werden muss, was auch immer entstehen muss wird entstehen, was auch immer gedacht werden muss, was auch immer gesagt werden muss, was auch immer getan werden muss, wird rechtzeitig getan, am richtigen Ort, und auf die richtige Art.

Und das ist die einzige Art dass das geschieht. Es geschieht niemals nur weil du es ganz doll willst, oder weil du dir wünschst dass es geschieht. Das ist nicht Weisheit. Das ist magisches Denken, Ignoranz. Und natürlich müssen wir lernen das zu meistern, dieses Ruhen im Universellen, Ruhen im Unendlichen.

Zuzulassen, dass unser Geist ruhig und still ist im Angesicht von großem Konflikt, ist etwas das unglaublich wichtig für uns ist und eine große Bedeutung hat. Wenn es uns darum geht was in unserer Zukunft geschehen wird, dann müssen wir dafür präsent sein. Wenn wir damit ringen, dann kreisen entweder unsere Gedanken um die Zukunft, oder wir denken über die Vergangenheit nach, was er sagte, was sie sagte, was ich tun werde, was er tun wird, was sie tun wird. All das ist Kampf und Sorgen. Präsent sein, im jetztigen Augenblick ruhen, den Onepoint bewahren, heisst unseren Geist und Körper im tiefsten Punkt unseres Unterbauchs ruhen zu lassen, jetzt. Das ist Wissen. 

Okay. Das ist ein riesiges Thema. Und es scheint mir, dass es zutiefst alles repräsentiert woran wir alle in den letzten Jahren im Dojo gearbeitet haben. Und vielleicht ist es schwierig sich darauf ganz klar einzulassen.

Okay, jetzt geht bitte in eure Gruppen und diskutiert dieses Thema. In 15 Minuten kommen wir dann wieder zusammen. Vielen Dank.

(15 Minuten Diskussion) 

Willkommen zurück. Fangt bitte an, Gruppe 1. 

Schüler: Vielen Dank, Sensei. Und guten Abend an alle. Ich meine wir haben ein Gefühl wovon du da sprichst, Sensei. Und es ist, hmm, es ist wie, sich nicht selbst im Weg zu stehen, wenn da etwas ist woran man arbeiten und was man entscheiden muss. Wir bemerken, dass manchmal wenn wir aus dem Schlaf aufwachen, sind wir inspiriert von guten Ideen, oder einfach das Wissen das da hochkommt, dass etwas das Richtige ist. Und das war nicht nur ein Wissen das von tiefer Entspannung kommt. Vielleicht hängt das zusammen. Wir haben uns an Suzuki Sensei’s Vier Prinzipien erinnert: “Na und?, mach nichts, sei natürlich, mach dir keine Sorgen, sei happy“ (engl. Orig.: so what, do nothing, be natural, don’t worry, be happy). Und das ist nicht das Gleiche wie Aufgeben und einfach die beste Option zu wählen. Es ist ein Fokussieren, Entspannen, und das Universum unterstützen lassen. Die Unterstützung des Universums fühlen. 

Vielen Dank. Du hast erwähnt aus tiefem Schlaf aufzuwachen und plötzlich zu wissen was zu tun ist. Albert Einstein war wirklich berühmt dafür davon zu sprechen. Das war für ihn ein wichtiges Thema. Einstein war bekannt als ein tief gehender Denker. Aber er sagte immer, dass wenn er im Wachzustand nachdachte es ihm immer schwerfiel die Antwort zu finden. Natürlich war er nicht immer so verbunden wie er das gerne gewesen wäre, genau wie alle anderen. Er kommentierte belustigt dass viele Leute dachten, er hätte diese Formeln über die Relativität einfach ausgerechnet. Aber er erzählte, dass er oft um zwei Uhr morgens aufwachte, und da war die Antwort nach der er gesucht hatte. Also kam sie zu ihm irgendwann, und das auf natürliche Art. Und vielleicht wäre sie auch nicht zu ihm gekommen, wenn er nicht vorher um die Antwort gerungen hätte. Aber von wo ist dieses Verständnis nun erschienen? 

Den Onepoint zu bewahren bedeutet einfach sich mit der Quelle der Erkenntnis zu verbinden. Diese Quelle ist die Quelle von dem was du bist, die Quelle von allem das erscheint, die Quelle von allem nach dem wir suchen. Alles erscheint aus diesem Grund des Seins heraus. Und ich finde es interessant, dass du Suzuki Sensei’s Vier Prinzipien erwähnt hast, “So what, do nothing, be natural, don’t worry, be happy,” denn sie stehen genau hier auf diesem Zettel vor mir. Als ich hier heute meditierte, war es das was in mir bezüglich des heutigen Spruches hochkam. Also schrieb ich es auf. Ich bin so beeindruckt. Vielen, vielen Dank.

Schüler: Mich interessieren diese drei Optionen, kämpfen, kollabieren, und verbinden durch das Bewahren von Onepoint, präsent sein. Ich ende letztlich meistens beim Kämpfen wenn ich versuche eine Entscheidung zu treffen, und frage mich „Was soll ich tun?“ Oder es vielleicht einfach lassen und aufgeben. Aber diese dritte Option, One point bewahren und präsent sein, es fiel mir nie ein einfach das zu tun und zu schauen was hochkommt. Ich finde diese Zoom Sessions wirklich interessant, sie geben mir eine neue Perspektive für mein tägliches Leben. 

Es ist wichtig sich zu erinnern, dass die Option C „verbinden“ (engl.: connecting) bedeutet. Wir können uns “C” wie „connecting“ merken. Das ist einfach zu behalten. Das heisst sich darauf einlassen, und nicht weglaufen. Und natürlich nicht versuchen damit zu kämpfen, was auch immer es ist. Jedoch bedeutet es, sich komplett darauf einzulassen. Wenn wir A oder B machen, dann fühlt es sich vielleicht an als wenn wir uns doch damit beschäftigen, aber wir lassen uns nicht wirklich darauf ein. Wir denken wir lassen uns doch darauf ein, denn wir ringen doch mit der Frage. Wir denken das ist Sich-Einlassen (engl.: engagement). Wenn wir uns umschauen in der Welt und die Nachrichten hören… jeder kämpft um seine Position, kämpft dafür Recht zu haben, kämpft darum ganz oben zu stehen. Und sie denken das wäre doch so sich-darauf-einlassend und so notwendig. Sie sind da draußen und tun irgendwas, und daher stellen sie sich vor, dass das bedeutet sie lassen sich darauf ein. Okay, es ist vielleicht besser als auf der Couch zu sitzen, denn zumindest kann man so überhaupt etwas mitbekommen, etwas lernen, aber dennoch ist es üblicherweise nicht ein Verbinden. Und wenn es das ist, dann ist es sehr selten. 

Deswegen war ein Mensch wie Mahatma Gandhi so ungewöhnlich. Alle seine Anhänger sagten ihm „Man muss diese Briten abwehren, man muss sie bezwingen, wir kämpfen gegen sie.“ Aber er sagte „Nein, nein, nein.“ Und stattdessen behandelte er die Briten wie Gentlemen, mit großem Respekt und Güte, und als Resultat taten sie letztendlich alles was getan werden musste, um dem Land Frieden und neue Hoffnung zu bringen. So gut für Gandhi. Großartig. Aber es eine Geschichte die vor langer Zeit geschah.

Du und ich müssen in uns jetzt hier genau das Gleiche tun. Wenn wir es hier tun können, in uns drin, dann ist es automatisch auch da draußen. Es ist nicht so, dass wenn du es jetzt hier tun kannst, dann kannst du es auch mit anderen Menschen tun, wie wir manchmal sagen. Das ist es nicht. Es ist zu verstehen, dass wenn du es tust, dann wird es überall getan wo du hingehst. Wenn wir verbunden sind, dann ist es mühelos, es ist automatisch. Das ist sehr wichtig. Darüber kann man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Vielen Dank. 

Schüler: Hallo, Sensei. Wir haben alle Erfahrungen aus unserem Leben geteilt, wo wir gerungen haben um das Treffen einer Entscheidung, am Arbeitsplatz. Eine Person erwähnte, dass wenn wir uns bewusst sind, dass wir uns mit diesen Dingen abmühen, je mehr uns das bewusst wird, je mehr wir es bemerken, umso weniger geschehen diese reaktiven Muster, dieses Kämpfen und Kollabieren. Wir haben auch festgestellt, dass oft Dinge, die wir für ein Problem halten, sich wie von selbst lösen, ohne unser Zutun. Und auf diese Art empfinde ich es so, als wenn das Universum uns wirklich unterstützt. Und dann war da auch ein Unterscheiden zwischen großen Problemen und kleinen, oder keinen Problemen. Und manchmal, wenn wir mittendrin sind, passiert es leicht dass uns das Problem wirklich groß vorkommt. Und dann vielleicht in der Zukunft, zurück schauend, stellen wir fest dass es tatsächlich überhaupt gar kein Problem war. Also das sind ein paar Dinge über die wir gesprochen haben, aber wir haben keine Frage gefunden, per se. 

Vielen Dank. Und manchmal scheint es, als wenn das Universum dem einfach keine Aufmerksamkeit widmet was wir als essentiell ansehen. In der Tat, wir praktizieren, und werden geübter darin der ungezähmten Stimme zuzuhören, dem rohen Urstoff. Also wir werden besser darin. Aber das bedeutet nicht, dass wir alles hören können, dass wir alles wahrnehmen können was in unserem Leben erscheint. Manchmal bleibt eine Situation für viele Jahre unbeantwortet oder ungelöst. Und wir denken vielleicht, was ist passiert? Wieso? Ich verstehe das nicht. Nun, wisst ihr, das ist warum ich immer sage, warum jeder Lehrer immer sagt, die Lösung für jedes Problem ist mehr sitzen, sitzen, sitzen, und noch etwas mehr sitzen. Mit anderen Worten, üben zuzuhören, und mehr in die Tiefe zu hören. 

Also immer weiter üben den Onepoint zu bewahren, und tiefer hinein zu schauen, mehr und mehr und mehr, uns zu öffnen, anstatt zu versuchen eine Antwort zu finden. Wir öffnen uns, vertrauen, selbst wenn da scheinbar keine Antwort ist. Auf diese Weise können wir einfach in einem Zustand der Freude, des Annehmens, der Dankbarkeit und der Wertschätzung sein. All diese Dinge sind es über die wir seit dem Beginn der Stunde gesprochen haben, als wir Tohei Sensei’s Aussprüche und Prinzipien genutzt haben. Er sprach immer darüber. Selbst als ich ihn nicht verstand weil er Japanisch sprach. Wenn ich jemanden fragte „Was sagt er gerade?“, meistens sagten sie dann „Oh, er sagt wir sollten dankbar sein. Oder, wir sollten mehr sitzen.“ Denn das ist ein und dasselbe, nicht wahr?

Schüler: Meine Gruppe hatte eigentlich keine Fragen. Stattdessen haben wir unsere Erfahrungen ausgetauscht. Und wir waren uns einig, dass das Üben von Meditation uns ermöglicht einen ruhigen Geisteszustand zu erreichen und dadurch Lösungen für jegliches Problem zu finden. Wenn wir sitzen wird der unnatürlich rasende Geist ruhig. Mir ist aufgefallen, dass immer diesen ruhigen Geisteszustand zu haben ähnlich der indischen Philosophie ist.

Und das ist alles? Ihr vier habt untereinander wie wichtig es ist einen offenen Geist zu haben. Und nun wollen wir wissen, wie funktioniert das für euch? Ja, das ist was ich gesagt habe, diesen ruhigen Geist beizubehalten, und ja, das ist unsere Lehre, und ja, es klingt wahrscheinlich ähnlich zur indischen Philosophie. Natürlich müssen wir ruhig bleiben und aufmerksam sein.

Also, wenn ihr die Möglichkeit dieser Diskussionsrunden habt, dann stimmt euch bitte nicht einfach gegenseitig zu, und stimmt nicht einfach mir zu. Stimmt nicht einmal einfach Tohei Sensei zu. Der Sinn dieser ganzen Sache ist – was bedeutet das für euch in eurer Praxis? Nicht heute Morgen, und nicht in den letzten fünf Tagen, sondern genau jetzt in diesem Moment. Verstehst du? Erfährst du diese Verbindung genau jetzt? Ich sage nicht, dass du das nicht tust. Du musst etwas zugeben, und dann wollen wir von dir hören, wie es für dich ist.

Schüler: Nun, was soll ich sagen? Heute? Ich bin aufgewacht mit schlechten Erinnerungen. Denn gestern hatte ich eine ziemlich wütende Diskussion über ein soziales Netzwerk und das war immer noch in meinem Geist als ich aufwachte.

Also es gab einen Streit. 

Schüler: Ja, genau. Mein Geist war in Aufruhr. Heute Morgen, und auch jetzt noch. 

Ah, okay. Du bist in Russland, also ist es jetzt erst früh am Morgen. 

Schüler: Ja, es ist früh am Morgen hier. Ich bin gerade erst aufgewacht.

Nun, dann bin ich froh, dass wir diese Stunde hier haben. Das ist wahrscheinlich sehr gut und hilfreich für dich. Das ist eine gute Antwort. Vielen Dank.

Schüler: Hallo Sensei. Wir hatten eine sehr vielseitige Diskussion. Also ich werde versuchen es zusammen zu fassen so gut ich kann. Nun, Ungewissheit, damit haben wir angefangen. Leben mit Ungewissheit, das ist das grundlegende Problem. Und dann aus einer anderen Perspektive betrachtet, wie steht das in Zusammenhang damit zu sagen, dass man auf Erfahrungen baut, denn Entscheidungen basierend auf Erfahrungen zu treffen scheint für einige zu funktionieren, wenn man in der Vergangenheit schon einmal in einer ähnlichen Situation war. Also wie steht das in Zusammenhang? Wir haben auch über Ruhe gesprochen, genau wie die letzte Gruppe, und die Klarheit die dadurch entsteht. Vielleicht gibt uns dies mehr Raum für Möglichkeiten. Und dann auch noch, nun, bezüglich sich selbst aus dem Weg zu nehmen, und des Universum durch uns sprechen oder agieren zu lassen. Was nutzt es schon zu kämpfen? Du hast darüber bereits ein wenig gesprochen mit dem Beispiel von Einstein. Aber im Ringen mit unseren Gewohnheitsmustern, mit unseren Denkgewohnheiten, welche Rolle spielt das beim Lösen von schwierigen Entscheidungen. 

Vielen Dank. Ich werde hier am Ende anfangen. Das ist wie das Paradox „Wenn du dir kein Ziel setzt, wirst du niemals von der Couch hochkommen. Aber dann später, wenn du dieses Ziel nicht aufgibst, wirst du es niemals erreichen.” 

Ein Ziel zu setzen ist in sich bereits ein Aspekt des Kämpfens. Ein Ziel zu setzen bringt viele ganz verschiedene Schwierigkeiten und Herausforderungen zusammen. Dein Ziel ist diese zu lösen, und solange du denkst dass du das wirst, ist das dein Ziel. Und du wirst ringen bist du dieses Problem gelöst hast. Leider wirst du das niemals. Warum? Weil, da es ein Ziel ist, ist es in der Zukunft, und so schiebst du es immer vor dir her. Aber es ist nicht in der Zukunft. So wird es nicht erscheinen. Es ist immer jetzt, niemals in der Zukunft. Wahre Lösung kommt nicht von Anstrengung und Ziele setzen, niemals. Von Kampf kommt immer nur mehr Kampf. Schaden entsteht durch Kämpfen, Gewalt kommt vom Kämpfen, von Gefühllosigkeit, von fehlendem Gewahrsein. All das entsteht durch Kämpfen.

Auflösung wird möglich, sobald wir die Natur erkennen vom Setzen eines Zieles und dem Ringen nach dessen Erreichung. Das ist das Prinzip das Suzuki Sensei ausdrückt wenn er sagt „Tue nichts“. Wahres Handeln ist inmitten einer einnehmenden Krise zu ruhen. Du schaust dich um und denkst „Okay, diese Sache wird ein wirklich großes Problem für mich. Also als Erstes, lass uns abwarten und sehen. Sei geduldig. Entspanne dich, sei natürlich. Sei komplett involviert, und lass es gleichzeitig geschehen.” Das ist dieser eine Spruch den niemand mag, denn er erscheint so widersprüchlich.

Nun, du hast auch wegen der Erfahrung gefragt. Natürlich ist das ganz wichtig. Warum? Weil Erfahrung gleichbedeutend ist mit Fähigkeiten. Du hast bereits festgestellt, dass Kämpfen dich nicht weiter bringt. Das ist enorm. Und du stellst das nur fest durch deine eigene Erfahrung. Obwohl ich das heute sage, und obwohl es das ist was Tohei Sensei uns unterrichtet hat, bedeutet das, dass wir es alle tun können? Während wir Fähigkeiten erwerben, durch unser Üben erwerben wir Fähigkeiten, werden wir erfahren in dieser Praxis. Und das bringt uns nicht nur bei, wie wir das Zustandekommen von Lösungen zulassen können, sondern auch wie das geschieht. Das ist dann Weisheit. Erfahrung wird dann zur Weisheit.

Das ist nicht so als wenn du nun einen neuen Fakt weisst. Weisheit ist nicht diese Art von Wissen. Also auch dies ist etwas das irgendwie ungewöhnlich ist, relativ zu der Art und Weise wie die Welt funktioniert, oder wie man uns sagt wie die Welt funktioniert. Uns wird beigebracht, dass alles auf Fakt oder nicht Fakt basiert. Oder wie manche sagen würden, „alternative Fakten“. Nun ja, natürlich, wir wissen dass das ganze Konzept von alternativen Fakten sinnlos ist. Aber auf die gleiche Weise, auch Fakten können sinnlos sein wenn sie Kampf hervorrufen. Wisst ihr, es geht immer um Verbindung. Oder manche würden sagen, es geht immer um Liebe. Liebe ist Verbindung. Sich einlassen und Freundschaft schliessen, eins werden, mit einem Anerkennen der Freude zusammen zu sein. All das ist enorm. Und diese Verbindung löst alles. Es ist dann so, diese Dinge von denen du dachtest dass sie ein Problem wären, sind vielleicht gar kein Problem. Sie sind nur ein Problem wenn du ein Problem bist, wenn du mit ihnen ringst. Wenn du aufhörst ein Problem zu sein, dann gehen auch die Probleme weg.

Deswegen habe ich am Anfang gesagt, ich denke das ist eine wirklich große Sache, in Bezug auf unsere Praxis. Vielen Dank. 

Schüler: Wir viele Dinge diskutiert über das Treffen von Entscheidungen, und was uns zu der Entscheidung führt, ohne zu kämpfen und ohne sich zurück zu halten. Das Problem ist vielleicht beim anderen, aber meistens ist es in uns selbst. Mit unserem eigenen Weg, oder mit einer anderen Person. Und selbst wenn wir mit unserem eigenen Weg ringen, dann frage ich mich ob wir selbst die Wahl haben uns selbst zu helfen, oder danach zu fragen. Wäre das Teil unserer Verbindung in uns selbst? Und jemand anderem zu helfen, oder auch in einem selbst, zu einer Entscheidung zu kommen. Das ist was wir besprochen haben. Manchmal kann dieses Ringen verschwinden wenn man nur um Hilfe bittet. In der Schule wurde uns nicht beigebracht unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Dort wurde uns nur der Prozess beigebracht wie man Probleme der Logik klärt. Und durch das Lösen von wirklichen Problemen, erwirbt man die Erfahrung sich selbst helfen zu können. Das ist was wir rausgefunden haben. 

In meiner Erfahrung habe ich das Gefühl, mir selbst eine Hilfe sein zu können, was bedeutet ich bin Autodidakt. Ich habe für mich selbst gelernt wie man Dinge lernt. Manchmal habe ich von jemand anderem gelernt. So sich zu bewegen und in Verbindung zu sein heisst nicht, darauf zu warten dass mich jemand unterrichtet, oder mir hilft, sondern einfach anzufangen. Einfach bei einer Sache voranzuschreiten, das ist eine Herausforderung. Und ich finde manch andere Menschen haben Schwierigkeiten für sich selbst vorwärts zu gehen. 

Nun, die sprichst darüber ein Selbst-Starter zu sein? Ja. Das sind die Menschen, nach denen wir immer suchen, um mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Ich zeige dir mal noch eine andere Facette von dieser Idee der Selbst-Hilfe oder ein Selbst-Starter zu sein. 

Ich habe einen Artikel von einem Neuro-Wissenschaftler gelesen. Und er meinte, dass die Person, die denkt sie würde diese Entscheidungen treffen, tatsächlich diese Entscheidungen gar nicht trifft. Es ist nicht dass da noch jemand anderes in uns wäre. Sondern dass die Entscheidung auf einem Level getroffen wird zu dem wir gar keinen Zugang haben. Nun, für mich, bedeutet das universelle Unterstützung, aber er ist ein Neuro-Wissenschaftler, also drückt er es so aus, dass die Entscheidung gemacht wird „auf einem Level des Bewusstseins zu dem wir keinen Zugang haben“. Um unseren normalen, alltäglichen, begrenzten Zustand des Geistes wissend, macht das für mich sehr viel Sinn. Und dann sagte er, dass wenn wir dann feststellen dass die Entscheidung getroffen wurde, dass wir das dann für uns in Anspruch nehmen, als wenn „ich“ die Entscheidung getroffen habe. Und mit der Zeit werden wir blind und abhängig von dieser Idee der „Selbst-Entscheidungen“. Und solch eine Person kann sehr selbstsicher und dynamisch erscheinen. Aber letztendlich lasst uns nicht vergessen, worauf Miyamoto Musashi uns vor so langer Zeit hinwies, das ist einfach Größenwahn. Das wird alles für uns getan, wir sind uns dessen nur nicht bewusst. Wir müssen uns dessen gewahr werden und dankbar sein.

Das ist eine interessante Sichtweise. Es widerspricht nicht dem was du sagst. Es hilft nur zu erklären, warum wir Dinge sehen wie wir sie sehen. 

Schüler: Ja. 

Vielen Dank euch allen. Es hat mir wirklich Freude bereitet. Ich sehe euch dann am Sonntagmorgen. Domo arigato gozaimasu. 

(Online Training vom 5. Februar 2021)