Mach nich so ’nen Stress!

— von Olaf T. Schubert —

Mach nich so ’nen Stress! Wer hat das nicht schon gehört, oder denkt oder sagt das selbst 5 mal pro Woche? Ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer das was passiert, das was andere sagen, den Brief den du vom Finanzamt bekommst, oder ganz allgemein das was du siehst, hörst oder liest, für deinen Stress verantwortlich machst? Daher kommt dieser Hilferuf… „macht nich so ’nen Stress“. Vielleicht ist dir auch schon aufgefallen, dass andere Menschen solche Dinge oft ähnlich, aber eben oft auch ganz unterschiedlich als Stress, oder eben auch nicht als Stress, empfinden. Das tut man dann ab… „die können halt besser mit dem Stress umgehen“, oder „bei mir kommt halt derzeit alles zusammen“… oder ähnliche Aussagen. Was wir aber dabei nicht erkennen ist, dass es immer Ich bin der im Innen auf eine Stimulation im Außen reagiert. So sind wir Menschen gemacht, unsere Sinne verbinden uns mit der Außenwelt, diese außen eingesammelten Informationen werden nach innen geleitet und verarbeitet, bewertet, einsortiert als gut oder schlecht, oder nicht beachtenswert, oder als zu vermeiden, als hilfreich, oder als störend, als bedrohlich… Störend für den Plan den ich mir zurecht gelegt hatte, schlecht für meine innere Balance, bedrohlich für das Bild wie ich anderen erscheinen möchte, bedrohlich für mein Ich, mein Ego. 

Deshalb müssen wir anfangen unterscheiden zu lernen, zwischen dem was Neuro-Wissenschaftler und Psychologen als Stressoren bezeichnen, also Dinge die Stress auslösen können, und der inneren Stress-Reaktion, die von dem Reiz eines Stressors ausgelöst werden kann. Und wenn ich hier sage „können“ und „kann“, dann weil man auf diese Reize von aussen so oder so reagieren kann. Wie wir reagieren, ist zum allergrößten Teil angelernt und anerzogen, und nur zu einem sehr kleinen Teil „genetisch“, also aus unserer Evolutionsgeschichte heraus, von der „Natur“ so angelegt. Was wir gar nicht glauben können, zumindest bis wir nicht andere Erfahrungen machen konnten. 

Alles beginnt mit den inneren Bewertungsmustern. Was von der „Natur“ angelegt „richtigerweise“ als Bedrohung angesehen wird, z.B. dass man bei Sichtung eines Raubtieres aus Überlebensinstinkt flieht und sich versucht zu retten, oder sich bereit macht zum Kampf, ist ein Muster was uns geistig, nervlich, chemisch, energetisch, körperlich in einen Ausnahmezustand versetzt. Das sympathische Nervensystem schaltet sich ein, Geist und Blick fokussieren sich zum Tunnelblick, Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Atmung wird schneller, der Muskelapparat geht in Vorspannung in Vorbereitung auf Flucht oder Kampf, die Verdauung wird auf Null gefahren… All das, weil wir eine äußere Situation innerlich als bedrohlich bewertet haben. 

Nur werden wir heutzutage äußerst selten von einem Raubtier lebensgefährlich bedroht… Aber wir haben es gelernt, diesen „Mangel“ zu kompensieren, und sind ersatzweise dazu übergegangen, über unsere Identifikationen mit unserem Selbstbild, unserem Besitz und Stand, andere äußere Vorkommnisse als bedrohlich einzustufen. Teilweise als existenziell bedrohlich. Bedrohlich für das, was ich angesammelt und mir erarbeitet habe. Denn das ist es, was heute zählt. Schön und gut, das Problem ist aber, dass nun ganz alltägliche und objektiv unproblematische Vorkommnisse, etwas das ich sehe, höre oder lese, etwas das andere zu mir oder über mich sagen, als Bedrohung wahrgenommen wird.

Und ich will noch mehr, will zu meinem regulären Aufgabenbereich im Job noch dieses Projekt dazu (man muss sich ja profilieren), und hier will ich mich auch noch engagieren, und Kinder will ich auch, und, und, und… Und dann jammern wir: „Ich habe derzeit so viel um die Ohren!“ Wieviel kann und will ich mir zumuten? Was muss sein? Und warum? Was will ich mir/anderen beweisen? 

Jeder will der beste sein, erfolgreich sein, Haus und Auto sein Eigen nennen, und natürlich eine intakte Familie vorweisen können, und sozial engagiert sein, und, und, und… Letztendlich aber, wenn man ganz tief reinschaut, ist das alles vielleicht doch nur im Wettbewerb mit den anderen? Und wenn alle so leben, jedem das meiste, dann heisst das jeder gegen jeden, und dann ist schon das pure nebeneinander Leben, Arbeiten, Autofahren, immer eine potentielle Bedrohung, und damit potentieller Stress…

Damit versetzen wir uns körperlich und geistig (mit den verbindenden energetischen, nervlichen und chemischen Prozessen) in einen mehr oder weniger dauerhaften Alarmzustand, so als wenn wir ständig von Raubtieren umgeben wären. 

Und das mit den oben beschriebenen Folgen für Atmung, Herz- und Kreislaufsystem, Verdauung, usw. Damit sind die äußeren Reize, auf die ich mit dieser Stressreaktion reagiere, letztendlich quasi von mir selbst zu Stressoren gemacht worden. Wie kann ich aus diesem Kreislauf austreten? Sind diese Reaktionen und Kreisläufe unvermeidbar? 

Nein. Da braucht man nur mal etwas genauer hinzuschauen – denn nicht alle leben so. Aber die Lösung ist sicher nicht leicht in der Umsetzung – obwohl sie eigentlich ganz einfach aus dem bereits Gesagten abzuleiten ist. Aber Vorsicht 😉 dies kann eine folgenschwere Fragenkette auslösen: Etwas löst bei dir Stress aus? Erkenne, was dieses Etwas in dir auslöst… Was wird bedroht? Wirklich? Was fürchtest du zu verlieren, was fürchtest du nicht zu bekommen? Könntest du aufhören, dich dadurch bedroht zu fühlen? Bist du etwa damit identifiziert? Warum? Wie stark? Musst du das sein? Brauchst du das wirklich? Und überhaupt… Wer ist damit identifiziert? Was dich dann unweigerlich zu der Frage führt… Wer bin ich eigentlich?

Puhhh… soweit willst du nun doch nicht gehen? „Gibt es nicht ein Training, ähnlich wie Bodybuilding für meinen Bizeps, womit ich mich für Stress resistenter machen kann?“ Ja, schon, aber nur scheinbar, oder besser für gewisse Zeit, kann man das schon hinkriegen, bis dann irgendwann das System doch wegen unausweichlicher Verausgabung die weisse Fahne hisst. Und mal ganz ehrlich, die Frage selbst „Womit ich mich für Stress resistenter machen kann?“ zeugt doch davon, dass nicht verstanden wurde was hier passiert und was Stress eigentlich ist. Dass es aussen keinen Stoff namens „Stress“ gibt, mit dem du besprüht wirst oder dem du ausgesetzt bist, und vor dem du dich schützen musst oder kannst. Stress ist deine innere Reaktion auf äußere Ereignisse, die von dir so bewertet werden, dass dein System mit Stress reagiert. Die Person neben dir sieht das gleiche äußere Ereignis ganz anders, für sie ist es gar kein Stress. Warum? Weil die Person innerlich anders reagiert, es nicht als Bedrohung sieht (aber vielleicht bei etwas anderem ausrastet, das dich nun wiederum nicht im geringsten tangiert). 

Und wie kann man diesen inneren Umwandlungsprozess starten? Nun, die Problematik ist nicht ganz neu, die Menschen leiden seit tausenden von Jahren. Und davon sprechen wir hier, nicht wahr? Leiden. Genauso alt wie das Problem sind auch die bewährten Lösungsansätze… Meditation, Achtsamkeit, inneres Schauen, Erkennen, Loslassen…

Meditation

Das Sehen der Problematik und ihrer Wirkungsmechanismen ist nahezu unmöglich, wenn der Geist ununterbrochen aktiv ist, wir Dauerradio im Kopf haben, und das die ganze Zeit, auch während wir andere Dinge tun. Denn auch das tun wir ununterbrochen, den ganzen Tag. Wissenschaftler schätzen, das wir im Durchschnitt 60.000 Gedanken im Laufe des Tages haben, von denen wir 95% in der Vergangenheit schon mal hatten, und von denen 80% negativ sind. Über Dinge die mir wichtig sind, wie kann ich mehr von dem kriegen was ich mag, wie kann ich vermeiden was ich nicht mag, das und das will ich nicht verlieren, warum hat sie das gesagt, warum habe ich nicht das und das geantwortet, oder getan, was muss ich also tun, plane dies, befürchte das… alles Gedanken in der Vergangenheit, oder Zukunft. Und selbst die Gedanken der Zukunft basieren auf Vergangenem, meinen angesammelten Konzepten, Ideen, Vorlieben, Abneigungen… Alles nicht in der Gegenwart, nicht hier und jetzt. Dabei ist hier und jetzt der einzige Ort und die einzige Zeit, wo alles Leben stattfindet. Immer. Es war nie anders, und alle Zukunft kann immer nur im Jetzt gelebt werden – denn wenn sie hier ist, ist jetzt. Immer. 

Darum geht es bei der Meditation – einfach Sitzen, Hier und Jetzt, Sein. Ohne darüber nachzudenken, über das Hier, über das Jetzt. Es gibt verschiedene Methoden der Meditation, die uns helfen, im Hier und Jetzt zu Sein, und den vormals unaufhörlichen Gedankenstrom zur Ruhe kommen zu lassen. Den Raum, die Stille zu entdecken, in der alle Erscheinungen kommen und gehen. In unserem Dojo benutzen wir die Methode der Ki-Meditation, bei der wir im Einen Punkt im Unterbauch unendlich klein zentriert (halbe, halbe, halbe…) Eins mit dem gesamten unendlichen Universum sind (unendlich verdoppeln…). Manchmal üben wir aber auch vorbereitende Meditationen mit Fokus auf eine Kerze, oder in Achtsamkeit auf den (unveränderten) Atem, oder mit Hilfe des ausklingenden Tons einer Meditationsglocke…

Atmung

Wenn ich nicht atmen könnte, wäre ich schon längst tot. Was soll also schon sein mit der Atmung? Nun, wie bereits beschrieben ist eine erhöhte Frequenz des Atems, der auch höher im Brustraum stattfindet, eine Folge bzw. Begleiterscheinung des erregten Zustandes, der Stressreaktion, der Vorbereitung auf Kampf oder Flucht. Es funktioniert aber auch anders herum (denn Geist und Körper sind Eins): wenn ich absichtlich schneller atme, kann ich den erregten Zustand hervorrufen, und mich in Alarmbereitschaft versetzen. Oder ich kann ruhiger, langsamer, tiefer atmen, und mein ganzes System beruhigen, runterfahren, das para-sympathische Nervensystem (genauer den vorderen Zweig des Vagus-Nervs) aktivieren, und die Symptome der Stressreaktion zurück gehen lassen. Damit kann ich bewusste, langsame und tiefe Atmung als Akut-Maßnahme einsetzen, sollte ich den Alarmzustand der Stressreaktion bei mir bemerken und erkennen, dass dies gar nicht nötig war und ich da raus möchte. 

Diese ruhige, tiefe Atmung kann aber auch vorbeugend geübt werden, um das para-sympathische Nervensystem zu stärken, Herz- und Kreislauf zu beruhigen und zu kräftigen, die Verdauung bzw. das Stoffwechselsystem anzuregen. Damit wirkt dies auch beruhigend für den Geist, und der Körper fühlt sich frisch und erholt.

Achtsamkeit

Achtsam sein ist heute in aller Munde. Aber was bedeutet das? Achtsam zu Sein, heisst einfach hier und jetzt zu Sein, ohne „hier und jetzt“ zu denken, denn schon die Idee „dieser Moment“ handelt von der Vergangenheit. Meditation und Ki-Atmung sind wichtige Übungsmethoden, aber Achtsamkeit kann man den ganzen Tag üben. Bei jedem Tun, und jedem Nicht-Tun. Wenn ich esse – esse ich. Wenn ich den Garten fege – fege ich… Ohne dabei einen Youtube-Film zu schauen, oder Musik zu hören, oder über andere Dinge nachzudenken. Eine Tätigkeit, und wirklich nur eine. Auch kein Kopfkino, auch der Ich-Radiosender ist aus – Denken und Grübeln sind auch Tätigkeiten. Wenn eine Tätigkeit, dann komplett die eine Tätigkeit – in Achtsamkeit.

Inneres Schauen

Die innere Ruhe, die durch Meditation, Ki-Atmung, und Leben in Achtsamkeit sichtbar wird, macht es auch möglich, die Prozesse in unserem Inneren zu beobachten. Du siehst, wie ein Gedanke aufkommt, wie er da ist, wie er geht, wie nur Ruhe bleibt. Beim Aufwachen am Morgen kannst du beobachten, wie die Sinne nach und nach erwachen, du kannst sehen, wie die Gedankenmaschinerie in Gang kommt (eine gute Methode, den Tag nicht gleich mit der hilflosen Hingabe an den grübelnden Geist zu beginnen, ist sofort aufzustehen, doch dazu später einmal mehr).

Du wirst angesprochen, oder siehst etwas, was löst das in dir aus? Welche Prozesse kommen in Gang? Kannst du sehen, wie du das Gesagte negativ bewertest, Energie in dir aufsteigt, und eine negative Emotion entsteht, die dich ablehnend, oder aggressiv reagieren lässt…? 

Erkennen… und Loslassen…

Mit diesem inneren Schauen entsteht innerer Raum, bzw. der innere Raum wird entdeckt. Du siehst Dinge kommen und gehen, Gedanken, Bilder, Geräusche. Erinnerungen, Emotionen… du erkennst, dass du da bist um diese Erscheinungen kommen und gehen zu sehen… du kannst diese Dinge also nicht sein… 

Ist das was kommt und geht das Problem, oder derjenige der diese Dinge als Problem bewertet, und daran leidet? Wer ist das? Womit identifiziere ich mich? Mit Erinnerungen, Gedanken, Ideen, Glaubenssätzen, meiner Frisur, meinem athletischen Körperbau? Dinge kommen und gehen… wo bleibe ich darin? Kann ich diese angesammelten (und wieder verlierbaren) Dinge überhaupt sein? Oder habe ich mir daraus nur ein Abbild gebastelt, wie ich mich gerne sehe und von wahrgenommen werden möchte? 

Kann ich diese Identifikationen als nicht verlässlich erkennen, und loslassen, und mein wahres Selbst erkennen? Dann werden diese alten Bewertungsmuster immer schwächer, und letztlich austrocknen, und vormals Stress auslösende Erscheinungen können uns nicht mehr aufregen oder aus der Bahn werfen… 

Welche Rolle kann Ki-Aikido in diesem Prozess spielen?

Nun, das oben Beschriebene beschreibt genau die Zielrichtung aller Übungsmethoden im Ki-Aikido. Wobei aber eine Methode bisher noch nicht beschrieben wurde, und das ist das Üben mit einem Partner. Während vieles bisher gesagte auch in anderen Übungswegen vorkommt, geht Ki-Aikido noch einen Schritt weiter und involviert einen Übungspartner. Der kann uns zum Beispiel in Form eines Ki-Testes ein Feedback geben, bzw. sichtbar machen, ob ich ohne Stress, Anspannung, Gegenwehr, Kollabieren, usw. einfach innerlich ruhig, in Einheit von Geist und Körper bin. Und auch bleiben kann.

Vor allem durch das physische Üben von potentiellen Stress-Situationen werden die inneren Prozesse, und der Grad meiner inneren Klärung, sichtbar gemacht. Bei nichts reagieren wir deutlicher mit Kampf, Flucht oder Unterwerfung als wenn wir physisch bedroht und angegriffen werden. Unsere alten psychischen Reaktionsmuster können wir im Nicht-Physischen vielleicht mit verschiedenen Strategien vor anderen Menschen verstecken, aber im physischen Üben mit einem Partner kommen diese Verhaltensmuster dann früher oder später zum Vorschein. Ist man bereit, und will so nicht mehr reagieren, dann beginnt man an sich zu arbeiten. Kampf, Flucht oder Unterwerfung sind dann immer weniger die automatische Reaktion, sondern in Einheit mit dem Partner ruhig zu agieren wird nach und nach zum neuen Standard. 

Die alten Stressreaktionen des Systems werden schwächer… achtsames Sein hier und jetzt, das Verständnis und die Erfahrung der Prinzipien, den Unterschied zwischen realer und eingebildeter Bedrohung erkennend, im Moment adäquat agieren können… Dies alles beruhigt den Geist, klärt die inneren Verhaltensmuster, verbessert durch die Abschwächung der Stressreaktion dramatisch die allgemeine Gesundheit – wie natürlich die körperlichen Übungsbewegungen selbst auch einen gesundheitsförderlichen Effekt haben. Ki-Aikido ist keine Psychoanalyse – sondern die Übungsmethoden sind so angelegt, dass diese Entwicklungsprozesse ganz natürlich ablaufen und praktisch erfahren werden – manchmal mehr und manchmal weniger direkt sichtbar. 

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