Was ist Ki-Aikido, Kampfkunst oder Lebensweg?

— von Olaf T. Schubert —

Shinshin Toitsu Aikido, oder kurz Ki-Aikido, bietet einen integralen, ganzheitlichen Ansatz für die Entwicklung des Menschen. In der Mitte des letzten Jahrhunderts in Japan entstanden, hat Koichi Tohei Sensei (1920-2011, 10. Dan) das Aikido, die friedliche Kampfkunst seines Lehrers O-Sensei Morihei Ueshiba, und das Shinshin Toitsu Do, das sein Lehrer Tempu Nakamura Sensei aus der yogischen Tradition Indiens entwickelte, zum System des Shinshin Toitsu Aikido integriert.

Schon aus diesem kurzen Abriss der Entstehung kann man ablesen, dass Ki-Aikido weit mehr ist als nur eine andere Variante des Aikido. So wie es von Koichi Tohei Sensei entwickelt wurde, und heute weltweit in den Dojos der Ki-Society weitergegeben wird, ist das Aikido-typische Partnertraining – im Kontext aller unserer Übungsmethoden betrachtet – eigentlich nur eine Übungsmethode unter fünf. Wenn auch die, die am meisten Zeit beansprucht, und die von den meisten, in unseren Dojos und auch von außen betrachtet, mit „Ki-Aikido“ assoziiert wird. Schauen wir mal etwas genauer hin…

Wesentlich für die grundlegende Entwicklung von Kapazität und Tiefe geistiger Ruhe, Zentriertheit, Unerschütterlichkeit, und Nicht-Anhaftung an dualistischem Denken (ich versus du, Subjekt und Objekt, gut und böse…) ist die Meditation. Hier können wir in Ruhe nach innen schauen, Denk- und Reaktionsmechanismen erkennen, Identifikationen und Anhaftungen als Grundlage jeden Leidens aufdecken, und loslassen, unser wahres Selbst wiederfinden… und so nach und nach unsere naturgegebene Einheit von Geist und Körper erfahren, und die Einheit mit dem Universum entdecken und immer mehr leben.

Dieser Prozess läuft parallel zu den mehr körperlichen Komponenten des Ki-Trainings, z.B. der Ki-Atmung, bei der in der Sitzhaltung der Meditation zusätzlich die intensive Methode der Ki-Atmung geübt wird. Dann praktizieren wir parallel dazu die Ki-Übungen, in denen die Umsetzung der Qualität des Einsseins nun in anderen Körperhaltungen und einfachen und auch komplexeren Bewegungen geübt wird.

Eigentlich darauf aufbauend, praktisch aber ebenfalls parallel dazu geübt, folgt nun die Anwendung und Erforschung der Prinzipien mit einem Übungspartner… im Partnertraining des Ki-Aikido, mit einem „angreifenden“ und einem „verteidigenden“ Partner. Basierend auf den Prinzipien der Haltung und Bewegung in Einheit von Geist und Körper, üben wir nun die Einheit mit einem Partner, der uns noch dazu festhält oder gar schlägt, zu erfahren, und ihn ohne Konflikt entstehen zu lassen so zu führen, dass die Interaktion für alle Beteiligten positiv ausgeht und niemand verliert. Wenn wir versuchen jemanden mit unserem selbstsüchtigen Geist zu etwas zu bewegen, wird sein Geist widerstreben. Ebenso wenig wird er sich mit Kraft oder Gewalt physisch bewegen lassen, da sein Geist sich automatisch wehrt. Hier wird wieder offensichtlich, wie wichtig die Meditation ist – denn ohne diesen geistigen Entwicklungsprozess erscheint es uns praktisch unmöglich, unser Gegenüber einfach akzeptieren, zu respektieren, und ohne Konflikt zu führen. Nur wenn dies gelingt, können wir unabhängig von körperlicher Größe oder Stärke jeden Partner führen.

Die 5 Prinzipien des Shinshin Toitsu Aikido machen dies deutlich:

1. Ki fließt 

2. Erkenne den Geist deines Gegenübers 

3. Respektiere das Ki deines Gegenübers 

4. Versetze dich an die Stelle Deines Gegenübers 

5. Handle mit Vertrauen. 

Nun können wir in den verschiedenen Ki-Aikido-Techniken lernen, bei Herausforderungen oder Konflikt unsere zentrierte, lebendige Ruhe zu wahren, und ohne Konfrontation, Widerstand, Zwang oder Gewalt angemessen zu agieren. Anhand des physischen Übens mit einem Partner werden so die Ki Prinzipien praktisch und auf allen Wahrnehmungsebenen erfahren. In der Meditation und Ki-Atmung entdecken wir unser natürliches Einssein mit dem Universum wieder. Gehören auch andere Menschen zu diesem Universum? Kann ich auch mit ihnen eins sein, auch wenn sie mich herausfordern, oder gar angreifen? Philosophien und Konzepte nützen im Kopf allein nicht viel – im Ki-Aikido lernen wir, die theoretischen Konzepte und Prinzipien mit unserem ganzen Sein in Einheit von Geist und Körper zu erfahren und in der praktischen Anwendung mit Leben zu erfüllen.

Außerdem üben wir in unseren Ki-Aikido Dojos regelmäßig Kiatsu, die von Koichi Tohei Sensei entwickelte Heilmethode die auf den selben Ki-Prinzipien beruht. Und Sokushin-no-gyo, eine Reinigungsübung bzw. aktive Meditation mit Glocken, lautem Rufen und 100%-iger Hingabe in die Gruppenübung.

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Nun… ist Ki-Aikido eine Kampfkunst? Kann man das Partner-Ki-Aikido, das als einzige Komponente des Übens überhaupt so genannt werden könnte, überhaupt separat sehen? Und was machen wir im Partner-Ki-Aikido? Kämpfen? Definitiv nicht. Nichts im oben Beschriebenen, oder im Dojo Geübten, könnte man als Kampf bezeichnen! Natürlich wird der Anfänger zunächst auf den Griff des Partners mit seinen gewohnten Mustern reagieren… Einfrieren, Flucht, oder Kampf. Wenn er ihn bewegen soll, dann wohl Kampf. Aber das Üben wir ja nicht, sondern üben die 4. Art zu „reagieren“, nämlich in Einheit zu sein und einfach zu bewegen. Also keine Kampfkunst. Ist Ki-Aikido dann eine Lebenskunst? Nun, unser wahres Sein zu entdecken, in Einheit mit dem Ki des Universums zu sein, sich zu bewegen, zu handeln, auch mit anderen Menschen, auch selbst wenn uns einer mal nicht so wohl gesonnen ist… als was könnte man das besser bezeichnen… wenn nicht als Lebensweg?