„Ach… ich kann ja auch noch Freitag ins Training gehen!“

— von Olaf T. Schubert —

Oder: „Das Seminar klingt ja interessant, aber ich gehe lieber zum nächsten, der Lehrer kommt ja wieder.“ Wem sind solche oder ähnliche Gedanken nicht schon mal im Kopf rumgegangen? Doch was steckt dahinter… und welche Auswirkungen haben solche Gedanken, und wie ich auf sie reagiere, auf mein Leben?

So vieles in unserem Leben steht uns heute jederzeit zur Verfügung, man denke zum Beispiel an die heute vorherrschende Art des Filmkonsums per Netflix, Amazon Prime…, oder die ganzjährige Verfügbarkeit aller Obst- und Gemüsesorten im Supermarkt, oder die ständige kommunikative Verfügbarkeit via Smartphone, WhatsApp und Co, der 24/7 Zugriff auf Waren aller Art via Amazon und Co – ja selbst spirituelle Weisheit ist heute jederzeit auf Youtube abrufbar. Ist das nicht der Kern unseres modernen Konsumverständnisses? Die Dinge sollen gefälligst angeboten werden wenn ich Zeit und Lust habe! So werden die Ressourcen im einzelnen jedoch immer weniger wertgeschätzt, ihre Einzigartigkeit, Besonderheit, Unwiederbringlichkeit, geht verloren. 

Das überträgt sich schliesslich auf alle Bereiche unseres Lebens – und so entwickelt sich langsam aber sicher eine Lebenseinstellung, in der Termineinhaltung, Pünktlichkeit, persönliche Verlässlichkeit und Verantwortung, das Halten an Pläne und Abmachungen, gegenüber anderen und sich selbst, immer unwichtiger werden, es läuft mir ja nichts davon, ob ich’s heute oder morgen mache ist doch egal. Und so wird unsere Konsumeinstellung zur Lebenseinstellung. Damit einhergehend kann man beobachten, dass der Fokus auf Besitz von materiellen Dingen, Wissen und Erlebnissen als Merkmal für den Wert des einzelnen Menschen wohl noch nie so gross war wie heute. 

Diese Mischung von hoher Identifizierung mit Besitz und Status, und der Belanglosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der Einzigartigkeit und Wertschätzung des Lebens und seiner Ressourcen, sorgt für Verwirrung, Entfremdung, Vereinzelung, Vergleichsdenken… und führt ganz im Kern zum Verlust der Verbindung zu meinem ursprünglichen Selbst. Natürlich spüren mittlerweile viele Menschen diesen Zwiespalt, dass es so nicht weitergehen kann, und wollen aus dem Kreislauf ausbrechen. Manche suchen die Lösung und Halt in einer Religion, andere wenden sich spirituellen Lehren, Meistern oder Gurus zu. Und gehen da ran wie an alles im Leben… erwarten ihren „Lehrer-on-demand“, sozusagen Heilung auf Knopfdruck.

Was eigentlich nur nötig wäre, ist eine Rückbesinnung auf das Hier und Jetzt. Leben findet immer, und für jeden, immer nur hier und jetzt statt. Während du dies gerade liest, jetzt, was für eine Rolle spielt es welches Auto vor deiner Tür steht, welcher Titel auf deiner Visitenkarte steht, oder welchen Film du heute Abend vorhast zu schauen? Kannst du die Stille hören? Oder muss nebenbei Musik laufen? Eine Rückbesinnung auf die Einzigartigkeit und Unwiederbringlichkeit dieses Momentes – und es ist immer nur dieser Moment. Eine Rückbesinnung auf deine menschliche Natur, deinen Körper und deinen Geist und deren Einheit. Auf dein Einssein mit dem Universum, und allem darin. 

Schritt 1 ist, diese Notwendigkeiten zu erkennen. 

Schritt 2 ist, für dich selbst einen Weg zu finden, wie du diese Rückbesinnung angehen kannst.

Schritt 3 ist, diesen Weg dann unbeirrt zu gehen, weil du erkannt hast was davon abhängt, und weil es Teil des Weges ist, diese Beharrlichkeit zu üben… schliesslich willst du ja weg von der Beliebigkeit und Belanglosigkeit.

In unserem Dojo gehen wir den Weg des Shinshintoitsu Aikido, studieren die Einheit von Geist und Körper und die Einheit mit dem Universum. Wer sich für diesen Weg entscheidet, weiss warum. Schon im ersten Training spürst du, da ist etwas, eine Verbindung, ein Gespür, vielleicht entdeckst du bereits, wie mühelos und natürlich stabil eine natürliche Körperhaltung mit einem ruhigen Geist ist. Bei der Meditation, der Ki-Atmung, bei Ki-Tests mit einem Partner, findest du Ruhe und Zentrierung, Entspannung vom hektischen Alltag. Im Üben von Ki-Aikido mit einem Partner lernst du, ohne Widerstand und Konflikt mit jemand anderem umzugehen, selbst wenn der dich festhält, oder dich gar herausfordert. Das ist erfrischend, gibt Hoffnung, macht Spaß.

Doch wir alle wissen auch, so ein Anfang kann schwer fallen, vor allem wenn dieser Übungsweg so anders ist als unser bisheriger Alltag… zentrieren, loslassen, in Ruhe sein, wirklichen Kontakt mit einem anderen („fremden“) Menschen aufzunehmen bzw. zuzulassen… da können durchaus innere Widerstände aufkommen, der innere Schweinehund meldet sich garantiert hin und wieder, möchte zum Rückfall in gewohnte Muster verleiten. Ja, Veränderung ist nicht immer schön, ohne Probleme, einleuchtend… vieles widerspricht bisher fest Geglaubtem. Und dennoch spüren wir, es tut gut, unsere Beziehungen im Alltag verbessern sich, Anhaftungen beginnen sich zu lösen, alltägliche Vorkommnisse versetzen uns nicht mehr automatisch in Stress…

Und ja, der Alltag hat viele Herausforderungen und Prioritäten. Ehepartner, Kinder, Haushalt, Beruf… Schlaf brauchen wir auch, und der Tag hat ja nur 24 Stunden. Genau! Und das jeden Tag, für alle, und immer wieder. Wie du damit umgehst liegt allein bei dir! Übertrage die Verantwortung nicht auf andere. Ja, die Kinder brauchen Zeit mit dir, auch dein Partner, und der Job verlangt auch vieles von dir. Aber wenn keine Zeit für dich ist, für deinen eigenen Weg, dann leidet über kurz oder lang alles in deinem Leben daran. Stress, Überforderung, Burnout, Depression. So haben die Kinder nichts von dir, nicht dein Partner, im Job läuft’s auch nicht mehr, selbst deine körperliche Gesundheit leidet. Die Balance ist entscheidend, und dazu gehört unabdingbar auch Zeit für dich und deinen Weg! Und wie gesagt, dafür bist du allein zuständig. Aber nicht „allein“ im Sinne von „ich geh dahin, ob ihr wollt oder nicht“. Sprecht darüber. Erkläre deiner Familie, warum dir dein Training wichtig ist. Gib auch deinem Partner seine/ihre Freiräume. Vereinbare 2 Termine (oder 1 oder 3) pro Woche für dein Training im Dojo. Halte dich auch selbst daran (der innere Schweinehund lauert schon). Findet eine Balance. Miteinander. In Einheit.

Der Weg in Einheit mit Ki 
Das absolute Universum ist Eins, wir nennen dies Ki.
Mein Leben und mein Körper sind aus diesem universellen Ki geboren.
Ich studiere die Prinzipien des Universums und ich bin eins mit dem Universum. Warum sollte ich mir Sorgen machen oder Angst haben?
Der Weg den ich beschreite ist der Weg des Universums, der durch kein Hindernis und keine Schwierigkeit blockiert werden kann.
Lasst uns den Mut haben, mit klarem Bewusstsein und ruhigem Geist den Weg zu gehen, den wir als richtig erkannt haben, egal auf welche Hindernisse auch immer wir treffen mögen.

(Soshu Koichi Tohei Sensei, Begründer des Shinshintoitsu Aikido, Shokushu #3)

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