Ein gelebtes Leben

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Hallo euch allen, onegaishimasu. Wie geht es euch? Schön euch alle zu sehen. Heute Abend geht es um einen weiteren von Tohei Sensei’s liebsten Sprüchen:

“Ein gelebtes Leben ist niemals langweilig”

Sayaka, würdest du das bitte auf Japanisch lesen? (Sie liest) 

Nun werde ich euch erst einmal etwas vorlesen, das ich vor 15 Jahren zu genau diesem Thema geschrieben habe. Und ich schrieb das, weil Suzuki Sensei’s liebste Aussage war “Du musst dein Leben vollständig leben!” 

Wir fokussieren uns oft auf die großen Ereignisse in unserem Leben als die signifikanten, auf die wir all unsere Konzentration und Sorge legen. Wenn wir dies tun, werden all die kleinen Momente als nur vorübergehend und nicht so wichtig betrachtet. Wir meinen, dass all diese Ereignisse in unserem Leben immer in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegen. Jedoch, alles das tatsächlich in unserem Leben geschieht, geschieht im jetzigen Moment. Ein Ereignis ist etwas das die Gedanken kreieren. Leben ist tatsächlich außerhalb der Gedanken. Indem wir an der Idee vom Leben anhaften, verpassen wir oft das Leben vollständig.” 

Okay. Lasst uns ein wenig Ki-Atmung üben.
(15 Minuten Ki-Atmung)

Suzuki Sensei sagte dazu, „Wenn du gelangweilt bist, dann bist du eine langweilige Person.” 

Er meinte natürlich, wenn du gelangweilt bist dann bedeutet das, dass du nicht interessiert bist was in deinem Leben geschieht. Wir sind gelangweilt, weil wir uns nicht dafür interessieren was in dem Moment geschieht. Stattdessen sind wir mehr interessiert an etwas anderem, es kann zu einer anderen Zeit sein, oder an einem anderen Ort. „Nun, wenn ich nur in Japan wäre, dann wäre ich richtig in meinem Training. Oder, wenn ich nur in Indien wäre, dann wäre ich wirklich erleuchtet.“ Das hiesse, wir haben keine Ahnung was es bedeutet unser Leben zu leben.

Und dann, wenn wir plötzlich anfangen uns dafür zu interessieren was im Moment geschieht, dann verändert das sogar die Art wie wir über Dinge sprechen. Zum Beispiel möchte ich jemandem ganz weit weg nicht sagen „Ich vermisse dich wirklich“, selbst wenn mein Herz bei ihm ist, denn es könnte für ihn bedeuten dass er sich auf ein zukünftiges Ereignis freuen soll, anstatt dem Jetzt. Das wäre von Ereignis zu Ereignis zu leben, in der Welt der Gedanken. Zuerst geschieht dies, dann geschieht das, und dann geschieht jenes ganz Großes in unserem Leben. Da sind die „Großen Ereignisse“, z.B. als wir unsere erste Geliebte trafen, als wir den Uni-Abschlug machten, unseren ersten Job bekamen, unser erstes Auto kauften, usw., usw. Dies sind die großen Ereignisse, für die wir im allgemeinen leben. 

Albert Einstein sagte seiner Frau als er heiratete, „Ich werde all die großen Entscheidungen treffen, und du kümmerst dich um die kleineren Entscheidungen.” Und dann, nach ungefähr zwei Jahren stellte er fest, dass es große Entscheidungen gar nicht gibt. Es sind alles kleine Entscheidungen. Denn wir sind immer genau hier in diesem Strom, und jedes Geschehnis, oder konstruierte Ereignis, besteht vollständig aus einer langen Kette von lauter „jetzt“s. Ein „Ereignis“ ist nur ein Konzept.

Zum Beispiel, einer unserer Ki-Tests ist, dass wir den Getesteten bitten seinen Arm auszustrecken für einen Test. Mir fällt oft auf, dass derjenige den Arm nur körperlich ausstreckt, ohne den Arm zuerst mit dem Geist auszustrecken. Sie denken, dass sie sich zum Hauptereignis hinbewegen. Und so sind sie sehr instabil. Wenn das geschieht, dann warte ich immer, denn natürlich möchte ich ihnen die Chance geben, dass ihr Geist aufholen kann zu ihrem Körper. Versteht ihr? 

Und so können wir dann die Einheit von Geist und Körper erfahren. Tohei Sensei hat uns immer den Arm zweimal anheben lassen, sagte „I ke, ni ke,” oder „ein mal, zwei mal.” Deswegen machen wir all unsere Übungen doppelt, alles ist immer zweimal. Wenn du Tohei Sensei fragtest „Warum?“, dann sagte er immer damit dein Geist deinen Körper einholen kann. Weil wir die Angewohnheit haben, unseren Körper immer ungeduldig zu bewegen und unseren Geist zurück zu lassen. Der Geist muss immer zuerst bewegen. Geist führt Körper. Das geschieht, wenn wir achtsam bei dem sind was in diesem Moment tun. 

Und wenn dann der Prüfer sagt: „Strecke deinen Arm aus“, dann streckst du den Arm mit vollem Bewusstsein aus. Und dann, wenn ich deinen Arm berühre, dann ist er bereits ausdehnend in die Unendlichkeit. Mit anderen Worten, „volles Bewusstsein“ bedeutet, dass unser Geist unendlich verbunden ist, durch unseren Körper. Da bewegt sich nicht nur ein Körper, es bewegt sich eine Einheit aus Geist und Körper.

Wie Shinichi Tohei Sensei in dem Seminar sagte, das er gerade in Japan unterrichtet hat, Geist und Körper vereint heisst Selbst und Andere vereint. Das ist das gleiche. Also kleines selbst und universelles Selbst sind vereint. 

Ein Beispiel ist, wenn wir morgens aufstehen, dann gehen wir ins Badezimmer um unsere Zähne zu putzen. Und wenn das geschieht, sind wir uns dann voll bewusst wie wir Schritt für Schritt ins Badezimmer gehen? Oder ist unser Geist immer noch da hinten irgendwo in der Traumwelt? Oder ist er schon vorneweg bei dem was wir gleich im Badezimmer machen werden? 

Wir müssen auch bewusst sein in diesen „Zwischendurch-Zeiten“. Denn genau dann geschehen alle Unfälle. Dann werden wir so oft „unachtsam erwischt“. Genau dann stößt du dir deinen Zeh an der Bettkante! 

Wenn wir auf einem Seminar die Einheiten des Tages beendet haben, eine Menge ist geschehen, und alle sind erschöpft. Wir gehen zurück in unser Hotelzimmer, duschen, wechseln die Sachen, und bereiten uns aufs Abendessen vor. Das ist der Standard auf einem Seminar, oder? Nun, wo ist deine Achtsamkeit zwischen der Zeit zu der du das Seminar verlässt, und wenn du dann dein Hotelzimmer erreichst? Und dann während du duschst? Und dich abtrocknest, die Haare kämmst, dir die schicken Sachen anziehst, und so weiter. Was geschieht in dieser ganzen Zeit? Wo ist dein Bewusstsein? 

Das ist unsere Praxis, vollständig präsent zu sein. Das ist das Leben vollständig zu leben. Das ist der eigentliche Grund warum wir überhaupt zum Seminar gegangen sind, um zu lernen sich jedes Momentes bewusst zu sein. 

Als mein erstes Kind geboren wurde, war ich noch sehr jung. Und, ich war der erste Ehemann der jemals im Maui Memorial Hospital im Kreißsaal mit dabei sein durfte. Das hatte noch keiner zuvor getan. Ich war so stolz. Da waren wir nun, machten unsere Lamaze Atmung zusammen, und es gab viel fluchen und schreien, und ich hatte eine solche Vorfreude auf die Geburt, dieses große Ereignis. Mein erstes Kind. Es geschah alles, und es war so aufregend, und ich dachte ich sah so aufmerksam zu. And dann plötzlich, sah ich nach oben, und das Baby war schon in den Händen des Doktors. 

Dieses gewaltige Ereignis sollte geschehen. Ich war so aufgeregt darüber, so stolz darauf. Und ich verpasste das Ganze. Ich habe es tatsächlich gar nicht erfahren.  Später, ich war immer noch sehr bewegt von der Idee davon, mein erstes Kind und so. Aber ich war so verblüfft weil, obwohl ich direkt dabei war, habe ich tatsächlich kein Ereignis erfahren. Das Ereignis war die Idee davon, nicht die tatsächliche Erfahrung. 

Es ist genau wie eben gerade, als ich hier in das Büro ging, bemerkte ich dass mein Geist bereits beim Computer war, und was in diesem großen Ereignis wohl geschehen würde, dieser Unterrichtsstunde hier. Sobald ich das bemerkte, hielt ich an der Tür an, nahm einen Atemzug, und öffnete sie sehr achtsam. Und dann schloß ich sie, und bemerkte wie ich ging, was ich fühlte, und als ich mich dann vor den Computer setzte, war ich sehr ruhig, einfach weil ich aufmerksam war bei dem was tatsächlich geschah, nicht bei dem woran ich dachte was geschehen würde.

John Hara ist heute unser Moderator, also wird er euch in eure Diskussionsräume aufteilen. Ich bin sehr gespannt was ihr zu sagen habt über all das. Ich sehe euch dann in 15 Minuten. 

(15 Minuten individuelle Diskussionen) 

Schüler: Wir hatte viele verschiedene Diskussionen zu diesem sehr lebendigen Thema. Und eine unserer Fragen ist „Kann man eine gelangweilte Person erkennen? Und was macht man dagegen?” 

Es ist für gewöhnlich ziemlich offensichtlich. Zum Beispiel, recht häufig passiert es in einer Meditationsstunde, dass sich Leute mit keiner Meditationserfahrung vielleicht langweilen, weil sie nicht wissen wohin mit ihrer Aufmerksamkeit. Da ist nichts was ihr Interesse erweckt. Und sie wären lieber woanders. Es ist sehr offensichtlich, sie sind in ständiger Bewegung, kratzen sich, schauen an die Decke, und schauen auf die Uhr um zu sehen wie lange das noch dauert. 

Und tatsächlich passiert das gleiche auch selbst wenn ich unterrichte, nicht wahr? Nun, vielleicht ist die Person nicht daran interessiert was ich zu sagen habe, oder es ist ihr einfach zu intensiv, oder sie versteht es nicht. In manchen Fällen denken sie, dass sie nicht gekommen sind um sich all das anzuhören, sie wollen einfach Bewegung bekommen, ein bisschen umher hüpfen. Und daher langweilen sie sich zu Tode.

Also, um deine Frage zu beantworten, im Unterricht ist es meistens ziemlich offensichtlich wenn sich jemand langweilt. Und, ich sollte hinzufügen, dass es auch ziemlich offensichtlich ist wenn jemand wirklich aufmerksam ist. Manchmal hört der Schüler dem Lehrer so zu (starrt auf den Bildschirm). Das ist der „ich-passe-auf-Look“. Okay? Aber natürlich ist das überhaupt nicht aufmerksam, sondern da wird nur über Zeugs nachgedacht. 

Diese Dinge geschehen nicht immer wegen fehlendem Interesse, sondern wahrscheinlich eher wegen mangelnder Erfahrung. Viele Menschen wissen einfach nicht wie man wirklich interessiert ist und am Leben teilnimmt. Vielleicht sind sie in einer Umgebung aufgewachsen, in der es nicht gefördert wurde es zu geniessen allein und vollständig zu sein. Nur so jemand kann wirklich jemand anders zuhören.

Und so ist es manchmal einfach eine Frage, für die Situation in der man sich befindet oder für die Erfahrung die einem geboten wird nicht ausreichend gerüstet zu sein. Und das resultiert in Langeweile. Aber für uns, die wir die ganze Zeit üben, ist der Prozess zu lernen mehr und mehr involviert zu sein, und sich dem Involvieren mehr zu verpflichten, und dankbarer für das Involvieren zu sein. Okay. 

Schüler: Unsere zweite Frage war, wenn du eine lange Zeit aufmerksam bist, und du physisch erschöpft bist, dann driftet man ab. Gibt es einen Weg zur Aufmerksamkeit zurück zu kommen? 

Ja, den gibt es tatsächlich. Sich zu erinnern, dass es um Leben und Tod geht, wird dich sofort wieder aufmerksam machen. Natürlich müssen wir das auch lernen, nicht wahr. Es ist eine Fertigkeit, oder? Mit anderen Worten, wenn du in der Meditation sitzt, und du beginnst abzudriften, vielleicht bist du nicht wirklich erschöpft, körperlich erschöpft, aber hast vom Sitzen genug. Du hast genug davon, es langweilt dich, du bist daran nicht interessiert. Und so fängst du an weg zu driften. Nun, wenn du dich daran erinnern kannst, dass du wenn du einschläfst sterben könntest, das wird dich ziemlich schnell wieder aufmerksam machen.

Und denke daran, natürlich kannst du dich nicht zwingen aufmerksam zu sein. Aufmerksamkeit ist sehr entspannt. Sie ist intensiv, ja, aber es ist ein sehr ruhiger, und ein sehr entspannter Zustand. Es ist nicht etwas das du versuchen musst zu tun. Und ich will nicht den Eindruck erwecken du solltest dein eigenes Leben irgendwie bedrohen, und dich in Aufregung versetzen. Nein, es geht einfach darum sich zu erinnern, dass alles was geschieht genau jetzt geschieht. Ich will sagen, vielleicht ist der Tod eine große Sache die geschehen kann. Aber alles wovon du im Aikido träumst, und in der Meditation, all das geschieht auch jetzt, und niemals später. Wenn es geschieht, geschieht es genau in diesem Moment.

Okay, vielen Dank. Ja. Es ist üben, üben, üben. Es ist eine Fertigkeit.

Schüler: Wir hatten eine schöne Diskussion. Ich denke sie wird am besten durch zwei Arten zu fragen repräsentiert. Bei der einen ging es um dein Beispiel zum Badezimmer zu gehen, und die Wichtigkeit in diesem Prozess präsent zu sein, als die Art sein Leben zu leben. Aber wir haben uns gefragt ob du dich auf jeden Schritt konzentrierst wenn du zum Badezimmer gehst, dehnst du Ki aus? Wir haben das ein wenig diskutiert und kamen irgendwie zu dem Schluss, dass sich auf die Schritte zu konzentrieren vielleicht nicht das ist was du gemeint hast, sondern in dieser Bewegung präsent zu sein.

Das andere Beispiel kam von Sally, die eine Glasbläserin ist und das einen großen Teil ihres Lebens gemacht hat. Sie sagte, wenn sie in dem Prozess ist ein Stück zu kreieren, und sie die Verbindung oder die Aufmerksamkeit verliert, dann schlägt sich das augenblicklich als ein negatives Resultat in ihrem Stück nieder. Das Stück ist ruiniert. 

Und dann haben wir diese zwei Dinge verglichen. Ist es fokussierte Konzentration wovon du sprichst, oder ist es etwas anderes? Sally gab uns das Beispiel, dass es nicht das Denken und nicht die Konzentration ist. Es ist sich wirklich allem auf einmal bewusst zu sein. Sie sagte es ist nicht dass sie nur hier ist, und nicht über das Stück nachdenkt, sondern es ist eher wie eine vollständige Präsenz. Und wenn sich die verändert, dann macht sich das sofort als Einfluss bemerkbar.

Und noch ein Beispiel ist, dass ich in Menschen die gelangweilt sind sehe, dass sie an dem Resultat interessiert sind und nicht am Prozess. Und das scheint parallel zu dem zu sein was wir den ganzen Tag machen. Wir denken an irgendetwas anderes in der Zukunft, anstatt tatsächlich in dem Prozess jetzt von Moment zu Moment involviert zu sein.

Nun, vielleicht mündet das alles in der Frage wie wir unseren Geist benutzen. Im ersten Beispiel denke ich, dass die Konzentration tatsächlich im Weg stehen würde. Ist es das Denken das im Weg steht? Bist du nicht am Denken, selbst wenn du im Moment bist? Du kannst nicht den ganzen Tag absolvieren ohne zu denken. So wo ist der Unterschied hier? Ist es das Denken das im Weg steht, und dann ist es das Denken das dich verbindet?

Das sind wirklich interessante Beobachtungen. Vielleicht erinnerst du dich, dass ich das bereits unterrichtet habe, und auch Shinichi Sensei unterrichtet das oft. Und das ist, dass wir immer diejenigen sind die schauen, und nicht diejenigen die angeschaut werden. Das Beispiel ist, natürlich, wenn du irgendwo vor einer Gruppe eine Rede hältst, und wenn du das Gefühl hast dass alle dich anschauen, dann meinst du vielleicht dass dich alle bewerten. Okay, das ist eine Art das zu sehen. Wenn du verhindern möchtest dass das geschieht, dann kannst du zum Beispiel zählen wieviele Leute eine Brille aufhaben, oder wieviele einen Bart haben, oder wieviele Frauen in der Gruppe sind, oder wieviele glatzköpfige Männer, usw.. Du möchtest rauskommen aus dem nervösen Empfangen der Aufmerksamkeit der Leute, also drehst du es herum und legst all deine Aufmerksamkeit auf sie.

Das erinnert mich ein bisschen daran was du gefragt hast. Wenn ich morgens aufwache, und meine Füße auf den Boden stelle, dann ist mein Geist manchmal noch ein wenig im Land des Schlafes. Also ist das erste was ich sage „Danke für diesen Tag, und mag er fruchtbar sein, und mag ich ein nützliches menschliches Wesen sein.” Das ist immer das erste was ich sage, wenn ich meine Füße auf den Boden stelle. Und das tut es für mich, dann bin ich hier. Aber das ist nicht „hier“ in dem Sinne, dass ich mich auf mich konzentriere. Das ist es was ich meinte als ich sagte, du willst nicht angeschaut werden, nicht mal von dir selbst. Das ist die sicherste Art dir den Zeh zu stoßen. Es ist das Gegenteil. Anstatt dessen sagen wir „Dehne Ki aus“. Mit anderen Worten, wenn ich diese Dinge auf der Bettkante sage, dann ist das, dass ich mich nach außen richte nach überall, unendlich. Und wenn ich mich dann hinstelle und anfange zu gehen, dann bin ich vollständig, ich fühle mich frei. Weißt du, die Schönheit lebendig zu sein. 

Ich mochte wirklich was Sally zu sagen hatte. Wenn wir mitten in einer kreativen Sache stecken die sehr filigran ist, dann dürfen wir keinen Moment verpassen. Aber tatsächlich, seien wir ehrlich, ist unser ganzes Leben so. Wir erkennen es nur nicht immer als eine solch filigrane Sache. Wir bekommen es nicht mit, dass genau jetzt das Glas gebrochen ist. Weil wir irgendwo anders sind als hier. Wir leben unser Leben nicht auf diese Art. 

Also sagt Tohei Sensei „dein Leben lebend wird dir niemals langweilig sein“. Er spricht davon das Leben vollständig zu leben. I meine, wenn du Tohei Sensei kennst, dann weißt du, oh, okay, es geht nicht darum dich nur zu vergnügen während du dein Leben lebst, alles vollständig zu geniessen was du tust. Das ist schön, aber das ist vielleicht nicht genug. 

Ich las etwas über Barbra Streisand, aber das hätte wirklich jede erfolgreiche Person gesagt haben können, denn jede erfolgreiche Person kennt das. Jemand fragte sie: „Wie ist es so Barbra Streisand zu sein?” Sie sagte „Nun, es war toll solange es geschah. Als ich jung und ambitioniert war, schaute ich immer zum Ende der Straße in Richtung des glorreichen Tages an dem ich anerkannt werde. Aber das ist es nicht. Es ist der Prozess dahin zu kommen der großartig ist.” 

Das ist genau das gleiche was du gerade sagtest. Es ist nicht das Resultat, sondern der Prozess. Aber legen schon unsere Aufmerksamkeit immer auf das Ergebnis einer Handlung, anstatt auf die Handlung. Und so spiegelt sich das worüber ich hier spreche selbst in deinem Zähneputzen wider. Es ist das exakt gleiche Prinzip. 

Wenn wir voll und ganz in jedem Moment den wir leben involviert sind, dann ist unser Leben bereits erfolgreich, weil es gelebt wird. Und deswegen wird dir jeder Lehrer sagen, dass von Erleuchtung zu träumen völlig an der Erleuchtung vorbei geht! 

Schüler: Wir hatten eine sehr interessante Diskussion. Es ging darum, wenn wir manchmal versuchen zwei Aktivitäten gleichzeitig zu machen, zum Beispiel wir joggen morgens und hören dabei Musik, in welcher der Aktivitäten sollten wir am meisten involviert sein? Ist es möglich, jetzt etwas zu tun und gleichzeitig etwas für die Zukunft zu planen? 

Als ich anfing mit Suzuki Sensei zu trainieren brachte er mir Kadenz-Laufen bei. Beim Kadenz-Laufen, egal ob du gehts oder rennst, koordinierst du deine Schritte mit deiner Atmung. Sagen wir mal drei Schritte beim Einatmen, und dann drei Schritte beim Ausatmen. Wenn ich morgens laufe, dann gehe ich bei jedem Atemzug drei Schritte auf meinem Weg bis zum Hügel, und wenn es dann bergauf geht, dann kann ich nur zwei Schritte pro Atemzug machen. Und wenn ich dann fast oben bin, dann bin ich manchmal so erschöpft, dass ich nur einen Schritt pro Atemzug machen möchte, aber stattdessen bin ich einfach achtsam und bleibe daher ruhig, und so kann ich bei zwei Schritten pro Atemzug bleiben.

Und dann, als Suzuki Sensei und ich einmal gemeinsam liefen, stellte ich ihm eine Frage. Er sagte: „Sprich nicht. Was tust du? Wir sind beim Laufen. Wenn es wichtig ist werde ich anhalten und dir zuhören. Ansonsten, warte damit.“ 

Es ist nicht möglich zwei Dinge gleichzeitig zu tun, also versuche nicht zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Wenn du zum Beispiel manchmal Musik hörst während du im Büro arbeitest. Wenn du der Musik zuhören willst während du einen Text schreibst, dann unterbrichst du das vielleicht und lauschst der Musik. Und du sagst dir vielleicht, dass du über den Text nachdenken wirst während du lauschst. Aber falls du es bemerkst, wenn du der Musik lauschst, dann denkst du eben nicht über den Text nach. Unser Geist ist nicht in der Lage, eine spezifische Aufmerksamkeit gleichzeitig auf zwei voneinander unabhängige Dinge zu richten.

Was allerdings interessant ist, ist dass wir durchaus alles in unserem Bewusstsein haben können, mit allen Sinnen, alles gleichzeitig. Und das ist so, wenn wir diese Dinge nicht alle separiert haben in lauter kleine individuelle Einheiten. Sehen, Riechen, Hören, Schmecken, Tasten. Es ist stattdessen die gesamte Erfahrung in dem Moment lebendig zu sein, was zufällig Sehen, Riechen, Hören, Schmecken, Tasten beinhaltet, und vieles, vieles mehr. 

Sieht man Leute umher laufen mit dem Handy in der Hand, während sie die Straße hinunter gehen? Natürlich. Und ziemlich oft stolpern sie an der Bordsteinkante, oder laufen gegen einen Mast. Das geschieht häufig. In manchen Städten ist es schon verboten, beim Gehen gleichzeitig aufs Handy zu schauen. 

Schüler: Ich hatte eine Frage. Ich bin ein Trainer. Und wenn ich eine Gruppe anleite, ich habe um die 40 Leute im Raum, und mich richtig darin involvieren. Das ist für mich sehr einfach. Jedoch, wenn ich hier der Diskussion zuhöre, und ich bin sehr, sehr, super interessiert daran, aber ich muss total aufpassen was die Leute sagen weil Englisch nur meine zweite Sprache ist, und ich verstehe nicht einfach automatisch. Ich muss mich wirklich fokussieren. Und das ist ziemlich erschöpfend über eine Stunde. Ich werde so erschöpft weil ich mich so konzentriere und aufmerksam bin. Und dann hast du Ruhe erwähnt, die kommt wenn man aufmerksam ist. Also, ist Bemerken etwas anderes als aufmerksam sein? Und warum bin ich so erschöpft? 

Du fühlst dich erschöpft, weil du dich anstrengst aufmerksam zu sein, nicht weil du aufmerksam bist. Aufgrund der Schwierigkeit mit der Sprache musst du dich zwingen aufmerksam zu sein. Du musst das tun, und deswegen ist da wahrscheinlich eine Anstrengung involviert, okay? Wenn du dich erschöpft fühlst, dann bedeutet das, dass du dich angestrengt hast, du hast hart gearbeitet um etwas zu erreichen, anstatt dich zurück zu lehnen und es zu geniessen. 

Wenn du jedoch bei deiner Gruppe bist die du anleitest, dann hast du die Fertigkeiten und bist da komplett drin. Deswegen ist da keine Anstrengung. Und wenn es vorbei ist, dann bist du vielleicht körperlich erschöpft, aber geistig bist du voll da und inspiriert von diesen 40 Minuten oder so die du die Gruppe angeleitet hast. Weisst du, wenn ich ein Seminar unterrichtet habe, dann ist mein Körper erschöpft. Aber mein Geist ist sehr inspiriert und voll da. Ich weiß wie sich das anfühlt. Zum Beispiel weiß ich, dass da kein Vergehen von Zeit war, die ganze Zeit die du deine Gruppe angeleitet hast. Aber wenn du dir des Vergehens der Zeit bewusst bist, dann bedeutet das, dass da zumindest ein wenig Anstrengung im Gange ist.

Und bei dir ist das auch ein spezieller Fall, weil du diese Sache mit der Sprache hast. Also, vielen Dank. Ich schätze dich dafür dass du aufmerksam bist!
Schüler: Die Sache mit der Sprache verstehe ich, aber ist es nicht einfach anstrengend die ganze Zeit aufmerksam zu sein?

Wir sagen „Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Fluge“. Wenn wir voll in einer Sache drinstecken, total achtsam, dann ist es einfach. Wenn es uns schwer fällt bei einer Sache aufmerksam zu sein, dann werden wir erschöpft sein. Manchmal müssen wir auch erst mal reinkommen. Zum Beispiel wenn du anfängst mit Joggen, am Anfang leidet dein Körper ein wenig. Und dann nach acht oder zehn Minuten kriegst du den ersten Schub. Und dann bist du drin. Richtig? Also manchmal dauert es ein wenig, bis dein Geist und Körper voll dabei sind. Also ist da zunächst ein wenig Anstrengung. Und das erschöpft dich vielleicht auch mental ein wenig. Aber wenn du erst mal drin bist, dann bist du inspiriert und in Bewegung, und du musst erst aufhören wenn dein Körper irgendwann müde wird. 

Schüler: Ich mag das Beispiel wenn man an eine Strasse kommt und anhält, in beide Richtungen schaut und hinhört. Das wurde uns so eindringlich beigebracht, weil unsere Eltern nicht wollten dass wir sterben. Und soweit ich mich erinnere war das für mich als Kind eine komplette Veränderung des Bewusstseins. Weisst du, als Kind bist du überall und nirgends. Also frage ich mich, was davon ist wirklich natürlich? Ist es als Kind überall verstreut zu sein? Oder ist es was mir beigebracht wurde, anhalten, schauen, hinhören? 

Okay, lass mich dazu etwas sagen. Weil es mich an etwas erinnert worüber ich euch in der letzten Zeit habe reden hören.

Denkt daran, wenn wir durch den Prozess gehen etwas zu lernen, dann identifizieren wir dabei drei Stufen mit kaisho, gyosho, und sosho. Kaisho ist das Üben nur der Form, ohne Ki-Bewegung. Das ist überhaupt nicht  natürlich. Gyosho ist halb und halb: ein Teil Form, und ein Teil Ki-Bewegung. Und sosho ist Ki-Bewegung, die Form ist egal.

Nur wenn du es in sosho machen kannst, dann kannst du behaupten dass was immer du tust natürlich ist. Wir geben uns viel Mühe die Form zu lernen, damit wir sie dann vergessen können. Es ist wie beim Musizieren.  Ich habe früher Flamenco-Gitarre gespielt. Ich musste jeden einzelnen Tag üben, um es zu können wenn wir dann zum Spielen in der Gruppe zusammen kamen. Aber wenn wir dann in der Gruppe zusammen kamen, dann vergaß ich einfach alles und hatte einfach Spaß. Ich dachte nicht über irgendeine Technik oder Form nach. Ich war einfach in der Musik. Ich liebte einfach den Spirit. Und weisst du was? Dieses Gefühl blieb gleich über viele Jahre, auch wenn ich besser und besser wurde in der eigentlichen Technik des Gitarre-Spielens.

Am Anfang klang es wahrscheinlich fürchterlich wenn ich spielte, weil ich noch nicht so viel geübt hatte. Ich hatte aber dennoch eine tolle Zeit wenn wir zusammen kamen und spielten. Und als ich dann mehr übte, dann hatte ich nicht mehr Spaß, aber man könnte sagen es fiel mir viel leichter Spaß zu haben. 

Okay, also ich denke wenn lernen nicht einfach auf die Straße zu rennen und von einem Auto erfasst zu werden, wenn das dann einfach in uns ist, dann denken wir darüber nicht mehr nach. Dann können wir vielleicht sagen, dass es für uns natürlich ist. 

Schüler: Du hast uns das Beispiel gegeben mit dem Laufen, und wenn die etwas reflektieren möchtest, dann hörst du lieber auf zu laufen und schaust dir diese Überlegungen an, und läufst dann weiter. Und was du beschreibst ist, dass wir nur eine Sache zur Zeit machen können. Aber denkst du nicht, dass wir so geschaffen sind und dahin getrieben werden Dinge simultan zu tun?

Und um ein wenig provokativ zu sein, nehme ich mal das Beispiel dieser Zoom-Trainings: Sie sind evolviert zu einem Format, in dem du das Training eröffnest, und in ein Thema einführst, dann teilst du mit uns ein paar von deinen Überlegungen zu diesem Thema, und dann sagst du „Lasst uns nun ein wenig Ki-Atmung machen“. Das ist wie eine Einladung hier, ein bisschen Futter für die Gedanken. Und nun lasst uns Ki-Atmung machen! Und dann sagst du, wir werden hinterher zum Thema zurück kommen. Aber diese Ki-Atmung gibt uns Zeit. Und natürlich, wir sind nicht verpflichtet über das Thema nachzudenken während der Ki-Atmung, aber das ist etwas was wir wahrscheinlich natürlich tun werden, diese simultane Art mit dem Denken und der Ki-Atmung umzugehen.

Ich möchte dir sehr danken. Ich weiss, dass das eine populäre Überlegung ist, dass wir zwei oder mehr Dinge zur gleichen Zeit machen können. „Multi-tasking.” Und manche Menschen behaupten sehr gut darin zu sein.

Okay, lass es mich einfach so sagen, wenn ich ein leckeres Thema am Anfang der Stunde hoch bringe, und dann plötzlich sage „Lasst uns ein wenig Ki-Atmung machen, und dann machen wir danach weiter und erforschen das Thema noch tiefer”. Natürlich, das ist sicher als wenn ich jedem einen Köder vor die Nase halte und sage „Möchtest du nicht versuchen darüber nachzudenken während du deine Ki-Atmung machst?“ Genau. 

Schüler: Und du machst noch mehr als nur die leckere Sache hervor zu holen. Du packst auch noch eine Menge Grillkohle ins BBQ, wenn du schon Anekdoten und Futter für die Gedanken hinzufügst. 

Ja, das ist in der Tat so. Und das gleiche passiert in der Meditationsstunde am Sonntag. Ich bringe immer ein Thema hoch. Und das ist der Grund. Ich möchte sehen, wir ihr damit umgeht. Das ist was ich darüber denke: Ich sehe das so dass ich es zulasse, dass das Thema für sich in mir rum blubbern kann. Mein bewusstes Selbst ist vollständig involviert im Einatmen und Ausatmen, universell ausdehnend und universell einsammelnd. Aber das bedeutet nicht, dass das Thema um das es geht nicht irgendwo im Hintergrund vor sich hin blubbern kann. Und natürlich sind da auch Momente, in denen ich mir dessen sogar auf eine Art  bewusst werde, und dann könnte ich auch davon abgelenkt werden. Und falls ich anfange darüber nachzudenken, dann bin ich nicht mehr daran beteiligt dem Atmen zu folgen. Und dann muss ich sagen „Egal“.

Verstehst du? Das bedeutet, dass ich vertraue dass das Blubbern sich um sich selbst kümmern wird. Und das ist was ich von jedem von euch erwarte. Ich möchte, dass jeder von euch dieses Thema nimmt, das ich am Anfang  auf euch projiziere, und es tief in sich sacken lässt und es vor sich hin arbeiten, blubbern lässt. Das heisst ihr lasst es anfangen zu fermentieren, während ihr atmet und eure volle Aufmerksamkeit auf der Atmung habt. Aber zur gleichen Zeit können wir vertrauen, dass das tief in uns vor sich geht.

Und dann, wenn ihr mit dem Atmen fertig seid, garantiere ich euch werdet ihr etwas wissen was ihr vorher noch nicht gewusst habt, ihr werdet ein Stück Verständnis haben, ein Stück Klarheit wird da sein.

Nun, wisst ihr, dies ist wahrscheinlich die wichtigste Frage die wir heute Abend hatten. Denn zu verstehen wie man seinem höheren Selbst vertraut, wie soll ich sagen, ein Niveau des Verstehens zu erreichen ohne dass wir eine bewusste Anstrengung unternehmen, welches dann effektiv in unser bewusstes Leben einfliessen kann, das ist wirklich, wirklich unsere Praxis.

Denn du kannst nicht einfach nicht das tun was du in deinem täglichen Leben zu tun hast. Für die meisten ist das alles was sie tun. Da geschieht nichts dahinter, im Hintergrund ihres Geistes. Kein Blubbern geschieht. Und dann, wenn sie sich hinsetzen um zu meditieren, ist alles was sie hören ein Durcheinander, denn alles was das geschieht ist ein riesiger Haufen Geschwätz. Mentaler und emotionaler Klatsch und Tratsch. 

Das ist der Grund warum wir immer mit der Ki-Atmung anfangen. Ich werde das oft gefragt. Wir fangen mit Ki-Atmung an, und gehen über zur Ki-Meditation, und hören dann auf mit Ganzkörper-Meditation. So ist es am einfachsten den Prozess zu meistern.

Wie auch immer, etwas was es zu berücksichtigen gilt. Und wenn ihr vielleicht noch mehr Farben habt, dann stellt die das nächste Mal, und wir schauen da noch etwas mehr rein.

Domo arigato gozaimasu. Vielen Dank euch allen. Bis später dann.