Der Nutzen der Lehre

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

MKA Shunshinkan Dojo auf Zoom, Freitag 1. Mai 2020

Hallo ihr alle, willkommen. Onegai shimasu. Ich hoffe es geht euch allen gut.

Ich werde die Nummer 20 der Shokushu lesen, genannt “Intoku.”

“Genau wie die Zahl Eins niemals Null werden kann, verschwinden auch unsere Worte und Taten niemals mehr, sobald sie gesprochen oder getan wurden. Eine gute Tat bewirkt Gutes, und eine schlechte Tat bewirkt Schlechtes. Alles fällt immer auf uns selbst zurück.

Anstatt uns Glück und Wohlstand für uns selbst und unsere Nachfahren zu wünschen, müssen wir vielmehr selbst Gutes tun, ohne Belohnung oder Aufmerksamkeit von Anderen zu erwarten. Dies nennt man in der japanischen Sprache “Intoku”. Die höchste Form von Intoku ist es, den Weg des Universums zu praktizieren, und dabei Andere zu führen und deren Praxis dieses Prinzips zu unterstützen.”

Ich hatte mal einen Schüler, der mir schrieb und sagte er hätte andere bei sich bewirtet, sie mit Speisen und Getränken versorgt, und er war ziemlich verärgert, da er sagte dass er denkt, dass sie seine harte Arbeit nicht geschätzt hätten, und dass er denkt sie hätten ihn nicht gewürdigt für alles was er für sie getan hatte, das Zubereiten der Speisen, das Kaufen des Weins, und so weiter und so fort. Er wollte wissen was ich ihm raten würde. Also habe ich ihm geraten, er solle doch Geld verlangen, wenn er Leute bei sich zu Hause bewirtet. Daraufhin sagte er ich wäre verrückt. “Man verlangt niemals Geld von Anderen, dafür dass sie aus deiner Küche versorgt werden.” Ich sagte, “Nun denn, es scheint es ist genau das was du tust. Du erwartest eine Belohnung für die Bewirtung, dafür dass du deinen Freunden etwas aus der Güte deines Herzens gibst, in diesem Fall deinen Schülern, und sogar deinem Lehrer.” Ich weiß nicht ob er es verstanden hat. 

Ich möchte, dass ihr über dieses Prinzip mal nachdenkt. Für heute Abend hatte ich versprochen, dass wir über den Nutzen dieser Lehre sprechen würden, Tohei Sensei’s Lehre. Und wenn wir Intoku nicht verstehen, wird es wahrscheinlich schwierig den vollen Nutzen aus Tohei Sensei’s Lehre zu ziehen.

Okay, lasst uns bitte ein wenig Ki-Atmung machen …

(17 Minuten Ki-Atmung)

Damals Ende der 90er Jahre, als Tohei Sensei mich bei einer Gelegenheit bat in sein Haus zu kommen, fragte er mich ob ich bereit wäre, Hawaii wieder in einer Schule, einer Ki Federation, zusammen zu bringen, und ob ich bitte auch in den USA und in Europa unterrichten würde. Und er sagte, “Im Übrigen, bitte unterrichte nicht einfach die Techniken, sondern unterrichte was hinter den Techniken steckt. Unterrichte das Ki Prinzip, aus dem alle Techniken entstehen.” Und wenn er so “Ki Prinzip” sagte, dann meinte er nicht etwa die fünf Prinzipien der Meditation, oder die fünf Prinzipien des Ki-Aikido, oder die fünf Prinzipien der Atmung … Die sind alle wunderbar, aber das ist nicht was er meinte. Wenn er sagt, unterrichte das Prinzip dahinter, dann meint er Geist führt Körper. Er meint die Erfahrung der Geist-Körper Einheit. 

Wisst ihr, als ich ein junger Mann war, wie ich euch schon erzählte ging ich in ein 3-jähriges Retreat um das Meditieren zu lernen. Ich war ein unersättlicher Leser … seit ich ein kleiner Junge war liebte ich zu lesen, weil es mir erlaubte mit mir allein zu sein, und ich mochte es allein zu sein, und ich mochte die Geschichten, ich liebte einfach zu lesen, ich liebte Literatur. Und das sagte ich auch sofort meinem Lehrer, und er sagte mir “aber wenn du hier bist darfst du nicht lesen.” 3 Jahre lang kein Lesen. Nun das war vielleicht ein Schock, und dann sagte er “Aber du kannst lesen, so lange es um das Studium der Religionen der Welt geht. Also bitte studiere alle Religionen der Welt in den 3 Jahren die du hier bist, und wenn du damit fertig bist, kannst du mir sagen welche du praktizieren willst… wenn es eine gibt.” Und am Ende der Zeit sagte ich “Tatsächlich habe ich keine Ahnung welche ich wählen sollte, weil sie alle dieselbe Sache lehren. Es ist egal. Und überhaupt, sie bestehen hauptsächlich aus kulturellen Dingen die heute keine Anwendung haben.“ 

Und er sagte okay, und ich ging meiner Wege, zog nach Maui, und ich vermisste die Formalität des Trainings und schrieb ihm, erzählte ihm dass ich diesen Mann getroffen hatte, Aitken, Robert Aitken Roshi, der ein ziemlich bekannter Zen Roshi war, er hatte die Diamond Sangha, so glaube ich nannte er es. Es war eine Zen Gruppe. Ich traf ihn und war beeindruckt, und schrieb meinem Lehrer und sagte das will ich tun, und er sagte “Ja, er ist ein sehr guter Lehrer, aber nicht für dich. Tut mir wirklich leid!” Nun, ich dachte wir hätten entschieden es macht keinen Unterschied, nicht wahr. “Oh doch, es macht einen Unterschied! Für dich! Du musst eine Zen-basierte Kampfkunst machen.” Ich hatte wirklich keine Idee was eine Zen-basierte Kampfkunst sein soll. Es kam mir nicht in den Sinn, dass es Aikido war. Ich hatte ein bisschen Erfahrung mit Aikido, in den Jahren davor als ich in New York City Schauspieler am Theater war. Aber es kam mir nicht in den Sinn.  

Ich denke die meisten von euch kennen diese Geschichte… dass ich herum suchte bis ich es fand und den Weg zu Shinichi Suzuki Sensei fand, und zum Wailuku Aikido Club, wie er damals genannt wurde. Und Suzuki Sensei zu mir sagte, neben den anderen Dingen von denen ich euch schon erzählt habe, er sagte mir “Was auch immer du tust, höre auf herum zu shoppen! Entscheide dich, ob es dies ist was du willst, und dann tue das jetzt, und nur das, und tue es 100%. Gehe es vollständig in die Tiefe!” Nun, wisst ihr, 20, 30 Jahre später, als ich bei Tohei Sensei zu Hause war und er mich bat dies zu tun, und er mir sagte was und wie zu unterrichten… wenn Suzuki Sensei mir das nicht beigebracht hätte, dann hätte ich nicht verstehen können was Tohei Sensei meinte.

Dies kann sehr schwierig sein, weil wir alle, als menschliche Wesen, eine Belohnung wollen, und Keiko Praxis ist wo die Belohnungen reinkommen. Aikido ist sehr wertvoll in dieser Beziehung. Es hat wahrscheinlich sogar den meisten von uns das Leben gerettet. Ki-Atmung ist so gesund und gut für uns, nicht wahr? Und nicht nur körperlich, nicht nur das Blut mit Sauerstoff anreichernd und Verunreinigungen beseitigend, wie Tohei Sensei sagte. Sondern sie bringt uns zu einer solch tiefen Erfahrung von Frieden und Stille und Ruhe. Nicht dass dies nicht auch woanders verfügbar wäre. Das ist es; das ist es. Aber nirgendwo anders, das ich davon gehört hätte, gibt es etwas wie Ki-Tests. Tohei Sensei hat das Ki-Testen erfunden. Als er selbst lernte, hatte Tohei Sensei im wesentlichen 3 Lehrer: Ogura Sensei, er war der Misogi Lehrer, von dem er Misogi lernte; und O-Sensei, natürlich, der ihm Aikido beibrachte und wie man sich entspannt; und dann Tempu Nakamura Sensei, der ihm beibrachte dass der Geist den Körper führt, der Geist den Körper bewegt, die Vereinigung von Geist und Körper. Und er lehrte ihn die Ki-Atmung, die er selbst ja aus Indien mitbrachte. Damals hatte Tempu Nakamura in Indien trainiert und kam dann zurück, und Tohei Sensei suchte ihn auf und fragte ihn danach. Er sagte “nun, du musst die Ki-Atmung erlernen.” Und so wurden diese Dinge die ersten Bestandteile von Tohei Sensei’s Lehre. 

Ich habe es so oft gesagt, es gibt keine einzigartige Lehre. Jeder, der behauptet er unterrichtet etwas Einzigartiges, hat überhaupt nichts verstanden. Und wenn du etwas schätzt weil du denkst es ist einzigartig, dann hast auch du nicht verstanden. Es ist so, ja, Chris Curtis und Toby Voogels und Joelle Perz sind alle einzigartig. Einmalig. Das ist wahr; aber das ist nicht der entscheidende Teil von uns. Das ist wie wir wählen uns selbst in diesem Leben darzustellen, ja. Aber es ist nicht Keiko um das es geht. Es ist nicht die Technik, es ist nicht die Form um die es geht, Leute. Es ist nicht diese smarte Philosophie. Es ist was hinter all diesem steckt. Ich sagte zu Toby Voogels vor ein paar Tagen “Selbst wenn du den Baum siehst, und es ruft etwas in dir hervor und du siehst etwas was du noch nie zuvor gesehen hast, das ist es noch immer nicht. Das ist nur „es“ was für dich ein wenig hervorlugt. Also diese ganze Lehre – von dieser Lehre Nutzen zu ziehen – wir müssen immer in jedem Moment wenn wir praktizieren, müssen wir sehen was da hindurch scheint, was hinter all dem hier steckt. Wie kommt es in uns, in dir, zum Vorschein, heute, in diesem Moment? Wie erscheint es? Wie spricht es zu dir?

Wisst ihr, Tohei Sensei war das Aikido im Dojo sehr wichtig, natürlich, aber viel wichtiger war ihm Ki im täglichen Leben, der Name seines Buches, “Ki im Täglichen Leben.” Nun, wir haben Keiko Praxis, und diese Praxis der Selbstverbesserung, und das ist auch sehr wichtig und sehr nützlich, und jede Form der spirituellen Praxis bietet auch Selbstverbesserung. Wenn nicht, dann kannst du nicht beginnen. Du brauchst ein Ziel auf das du hinarbeiten kannst. Sonst wirst du nicht dabei bleiben. Aber gleichzeitig, irgendwann, musst du realisieren, dass dieses Ziel immer irgendwo da draußen in der Zukunft liegt. Dies müssen wir transzendieren, wir müssen Keiko hinter uns lassen, irgendwann. Andernfalls stecken wir nur in der Form fest, stecken fest in Ideen, stecken fest in Philosophien, stecken fest in Konzepten, stecken fest in Dingen die dir einen Nutzen bringen. Ich sagte am Anfang in meiner kleinen Geschichte über meinen Freund: Wenn wir das nicht verstehen, wenn wir das nicht in uns bemerken, was unsere Praxis ist, zu bemerken, dann haben wir keine große Chance wirklich auf die höchste Art den Nutzen dieser Praxis zu erleben. 

Manche Lehrer erzählen dir, dass ihr Weg der einzige ist, und üblicherweise bieten sie als Beweis dafür, dass du nur durch ihre Lehre und durch sie dieses höchste Level erreichen kannst, das höchste Level des Erwachens. Aber ich möchte nahelegen, wenn du das von jemand hörst, dann ist das immer noch Keiko, weil „höchstes“ ist immer noch relativ. Relativ zu was? Er möchte, dass du besser, besser, besser und besser wirst, und das ist alles gut, aber das ist nicht was Tohei Sensei gelehrt hat. Ja, er hat all das gelehrt. Werde besser. Aber das ist nicht was wirklich hinter dieser Praxis steckt, und was der wirkliche Nutzen ist. 

Nun, ich weiß, wenn ich Nutzen sage, dann rede ich als wenn es um eine Belohnung geht. Aber das ist es nicht; es ist nicht diese Art von Nutzen. Es ist der Nutzen, der trotz uns entsteht, und nicht wegen uns. Im Keiko Training entsteht aller Nutzen ganz offensichtlich wegen unserer Anstrengung. Wisst ihr, es erscheint so als wenn hier eine Art Ursache und Wirkung geschieht, da ist Risiko und Gewinn, da ist Aufwand und Ertrag aus diesem Aufwand, so wie es auch sein sollte. Wie wenn du etwas Geld investierst, dann erwartest du etwas Gewinn zu erhalten. Das ist das gleiche. Ganz einfach zu verstehen. Aber ihr habt von mir gehört, und ich habe viele Male darüber geschrieben wenn ich über etwas schreibe, zum Beispiel in meinen Büchern: die wahre Praxis funktioniert so nicht. Wahre Praxis bedeutet in deinem Onepoint zu ruhen, präsent und offen, ohne Bewertung und ohne Anforderungen und ohne Erwartung. Das heißt nicht, dass du alles akzeptieren musst was geschieht. Manchmal sage ich das, wie im vierten Prinzip, wir sagen dass du erscheinen musst, (die 4 Prinzipien der Praxis), du musst erscheinen, du musst dich öffnen für alles was geschieht, du musst dem folgen ohne Bewertung, und dann musst du die Resultate akzeptieren ohne sie zu editieren. Und das ist gut; ich habe diese 4 Prinzipien mir nicht ausgedacht, du stammen von jemand anderem. Aber wie ich sagte, da ist nichts Einzigartiges in gar nichts, sowieso.  Aber in diesem Fall, je länger ich lebe umso mehr fühle ich, dass das vierte es nicht ganz trifft. Weil, wenn ich „akzeptiere“ ohne Ausnahme, dann scheine ich immer etwas nicht mitzubekommen. Ich sage nicht „akzeptiere“, und ich sage nicht lehne irgendetwas ab. Bitte lehne nichts ab; aber bitte akzeptiere es auch nicht. Sei einfach hier für es. Sei einfach hier für was auch immer ist. Und ihr wisst es geht nicht um Dinge die andere tun. Es ist egal was andere tun. Ich spreche davon was in dir passiert, wenn jemand anderes etwas tut. Ich spreche davon was in dir erscheint während du in Meditation sitzt; was erscheint in dir wenn du auf der Matte bist und mit einer anderen Person übst. Das ist es was wir bemerken. Und letztlich ist es das, woraus dies erscheint, worin wir ruhen. 

Nun, wenn wir Shugyo praktizieren, ist es im Grunde leer-voll. Es ist im Grunde alles was geschieht. Egal was geschieht, es geschieht einfach, und du bist einfach hier für es, und es ist okay. Wir versuchen nicht irgendwelche Umstände zu verändern. Wir versuchen nicht mehr Vergnügen zu haben, wir versuchen nicht weniger Vergnügen zu haben. Wir versuchen nicht weniger Schmerz zu haben, und wir versuchen sicher nicht mehr Schmerz zu haben (auch wenn ihr wisst dass einige Menschen das tun). Der Buddha sagte, dass es seine Lehre ist das Leiden zu beenden. Leiden ist unsere Reaktion auf das Kommen von Schmerz und auf das Gehen von Vergnügen. Wenn wir das akzeptieren, dass wenn wir etwas ablehnen, wenn wir in unserem eigenen Geist-Körper reagieren, auf den Zustand von Schmerz oder Vergnügen der in diesem Moment in unserem Leben ist – und das ist es was ständig passiert, egal wie still und friedvoll du bist, da ist eine Angst der du dir wohl bewusst bist. Wenn es friedlich ist dann ist das Vergnügen; wenn es still und ruhig ist dann ist das Vergnügen, richtig? Also möchtest du das behalten, du möchtest daran festhalten, und du wirst es morgen wiederholen wollen. Das ist nicht dem Leiden ein Ende bereiten; das ist nicht der Lehre von Tohei Sensei folgen. Tohei Sensei sagte der Sinn unserer Praxis ist es, die Einheit mit dem Universum zu erfahren. Nicht-Getrenntsein. Okay, nun das bedeutet Alles, Leute. Das bedeutet was auch immer ist, ist du. Was auch immer ist, ist nicht separat von dir. Das heißt nicht es ist exklusiv du, du dein kleines Selbst. Es ist du auf eine sehr geheimnisvolle Art, auf eine sehr mysteriöse Art, auf eine Art die in jedem Moment hindurch scheint, genau jetzt.

Okay, ich habe nun ziemlich lange geredet. Ich würde gern hören was ihr darüber zu sagen habt. Ich möchte anfangen mit Olaf Schubert.

Schüler: Vielen Dank, Sensei. Und hallo, aloha. Nutzen aus der Lehre ziehen. Die derzeitige Situation in der wir uns nun seit nunmehr fast 2 Monaten befinden, dies hat mir wirklich gezeigt, dass da Nutzen aus der Lehre sind jenseits dessen was wir normalerweise als Nutzen aus der Lehre ansehen. Nun, diese Stille zu bemerken, ist komplett entgegen dem wie ich vor zehn Jahren in einer ähnlichen Situation reagiert hätte. Wir hatten keine derartigen Situationen, mit den Auswirkungen die passieren könnten, und am Anfang war ich erstaunt wie mich das überhaupt nicht aus der Fassung gebracht hat. Wenn das nicht einer der Nutzen aus unserem Training ist, dann denke ich ist es der Nutzen. Zu sein, es nicht beiseite zu schieben, sondern einfach darin zu sein. 

Kannst du jedoch sehen was ich sagte, über den Unterschied zwischen dieser Art von Nutzen und der Art von Nutzen, die du als Ergebnis eines Tuns erwartest?

Schüler: Ja.

Dies ist ein Geschenk. Dies ist Gnade (grace) – im Christentum nennen wir dies “Gnade“. Sie ist immer präsent, und nicht aufgrund von uns. Und nicht nur wenn der Coronavirus hier ist… Ich erinnere mich an dich vor zehn Jahren, weißt du. Ich denke wir haben uns damals kennen gelernt, oder ein bisschen davor. Ja, also es ist immer präsent. Dies ist immer hier. Ich sage immer wieder durchscheinen, die Möglichkeit oder das Angebot bereitend. Es ist fast wie, weißt du, Oz hinter dem Vorhang, nur dass da kein Oz ist. Und es muss da auch nicht sein; wir müssen etwas nicht benennen. Es ist bereits alles. Nun, ich bin mir sicher du hast über die Jahre bemerkt, meine Erfahrung mit all dem hat sich auch verändert, beträchtlich. Aber weißt du, das war vor gut 20 Jahren als Tohei Sensei das zu mir sagte. Und so, vielleicht hatte ich nicht alles verstanden was er impliziert hatte, aber ich werde es nie vergessen und es hat mich geleitet. Ich habe euch solche Dinge gesagt als ich nach Europa und zu den europäischen Schülern kam, vor über 20 Jahren… die selbe Sache, ich habe die Geschichte die ihr gerade gehört habt bestimmt schon tausendmal erzählt, weil sie mir so wichtig ist. Das ist so wichtig, es war so wichtig für ihn, dass er sagte “Vergiss das nicht, das ist es was ich möchte das du tust wenn du an all diesen Orten unterrichtest an denen ich möchte das du unterrichtest. Ich möchte nicht, dass du da einfach hingehst und eine Show abziehst (show off).” Wenn Leute die Techniken zu sehr mochten, sah er das als fehlendes Verständnis der Lehre an. Das hat er mir oft gesagt. Er sagte “ja, wenn sich eine Person zu sehr mit den Techniken beschäftigt, versteht er wahrscheinlich nicht mein Ki Prinzip.“ Und nochmal, wenn er sagte Ki Prinzip, dann sprach er von Geist-Körper Vereinigung, und nicht von irgendwelchen einzelnen Prinzipien. 

Jemand anderes. Danke… vielmals.

Schüler:  Hallo, Sensei. 

Bitte, hallo.

Schüler: Es geht in die Richtung von dem Geist der die Wahrheit sucht, und während wir üben bekommen wir das Gefühl durch das Ki-Testen, dass dies die wahre Praxis ist. 

Ja? Und …?

Schüler: Und je mehr wir fühlen wie diese Praxis unser Unterbewusstsein in unserem Geist betrifft, dem Geist der in unserer Praxis die Wahrheit sucht. Und nicht nur dass er in uns ist, der Geist der die Wahrheit sucht.

Okay, also kann ich dazu was sagen? 

Schüler:  Ja.

Denk daran, all diese Sprüche die wir haben… zum Beispiel Kyudoshin, ist das japanische Wort für “den Geist der die Wahrheit sucht”, Kyudoshin. Wenn wir sie ins Englische übersetzen, verändert das manchmal die Bedeutung. Zum Beispiel, Wahrheit ist eine relative Sache, es ist ein Fakt. Etwas ist die Wahrheit oder etwas ist nicht die Wahrheit. Es ist möglich die Wahrheit zu suchen. Ein Ermittler muss die Wahrheit suchen, ein Polizei-Ermittler. Wenn er in einem Mordfall ermittelt, muss er die Wahrheit suchen, das ist wichtig. In der relativen Welt, wenn du deinen Doktortitel anstrebst, dann musst du die Wahrheit suchen. Okay? Wenn du versuchst eine Technik zu erlernen und dich so zu bewegen wie sich der Lehrer bewegt, dann musst du die Wahrheit suchen. Aber wenn Tohei Sensei Kyudoshin sagt, dann sagt er „suche das Wahre“, „suche das was wahr ist“. Wenn er sagt der „Zweck unserer Praxis ist es mit dem Universum eins zu sein“, dann suchen wir nicht danach mit dem Universum eins zu sein, wir sind bereits eins mit dem Universum. Es bedeutet also zu realisieren oder zu erfahren oder aufzuwachen zu der Tatsache, dass du eins mit dem Universum bist, dass es da keine Trennung gibt, dass wohin wir auch schauen das Spiegel-Universum ist, das bist du. Unser ursprünglicher Zustand ist also bereits wahr. Es ist unmöglich falsch zu sein wenn wir in Shugyo sind, weil da gibt es keine Belohnungen. Aber in  Keiko ist es sehr leicht falsch zu sein, weil es da Belohnungen gibt. Da kann Geld involviert sein, oder Zustimmung, oder irgendeine Zuwendung an uns. Das ist die Gefahr von Keiko. Weil, es ist hier wo Manipulation, Kontrolle, Falschheit, Täuschung ins Spiel kommen, weil hier eine Belohnung in Aussicht steht. Von hier kommt Diebstahl, hier entsteht Kriminalität, weil es eine Belohnung gibt. 

Mein Lehrer hat mir einmal gesagt, es ist für die Hure von Babylon möglich wieder zur keuschen Jungfrau zu werden. Das sind du und ich, mein Freund; nicht irgendjemand anderes. Er hat damit gemeint was Tohei Sensei meint, wenn er Kyudoshin sagt. Wir sind notwendigerweise offen für dieses Suchen, erwacht zu unserem ursprünglichen Zustand, welcher die keusche Jungfrau ist, welcher wahre Unschuld ist, keine Wertung, kein Zweifel, weil es keine Täuschung geben kann wenn du wahr und ursprünglich bist.

Schüler: Danke für diese Klarstellung über Wahrheit. Wahrheit bedeutet eine Menge tieferer Bedeutung hinter allem. 

Ja, das denke ich. Natürlich, das ist irgendwie meine Art auf alles zu antworten. Es ist, dass da etwas hinter allem ist was wir denken, allem was wir fühlen, allem was wir erfahren, da liegt etwas darunter das enthüllt werden kann. Alles ist aufschlussreich.  Jeder einzelne Moment ist ein Moment der Offenbarung. Es ist verfügbar genau hier für dich und mich, aber wir denken es ist später oder irgendwo anders, oder für jemand anderes, oder dies hier ist nicht der wichtige Moment, dieser da wird der wichtige Moment sein. Nein, nein, nein, dies ist alles was da ist! Es gibt keinen anderen Moment! Es ist nur dies… So… Dankeschön.

Jemand anderes.

Schüler: Lange-Zeit-Zuhörer, Erstes-Mal-Anrufer. Suzuki Sensei hat oft gesagt „Wie gewonnen so zerronnen“ (“easy come, easy go”). Und als ich ein neuer Schüler war, hat mich das sehr erleichtert, weil er sagte, du kannst es genau jetzt haben. Es beizubehalten ist der schwierige Teil. Und das hat niemals aufgehört. Es geht einfach weiter und weiter und weiter.

Vielen Dank. “Easy come, easy go.” Ja, ich erinnere mich… Nun, ich kann dir, ich kann jedem zeigen den Onepoint zu haben. Heute, am ersten Tag den sie ins Dojo kommen, wie du weißt, können sie die Erfahrung haben. Aber natürlich, ohne mich dabei zu haben, wird es nicht bis morgen anhalten. Und wenn wir zur Meditationsstunde zusammen kommen, passiert das gleiche. Wenn ich hier bei euch bin, nicht nur ich, sondern wenn der Lehrer hier ist, die erfahrene Person mit dir zusammen sitzt – dann hast du tendenziell eine tiefere Erfahrung. Deswegen empfehle ich allen, dass wenn sie morgens um 5 Uhr aufstehen um zu atmen, oder zu sitzen, dass ihr das mit mir zusammen macht, dass ihr das mit allen hier zusammen macht, dass ihr realisiert, dass physische Präsenz letztendlich nicht… ich kann nicht sagen sie ist ohne Bedeutung… aber sie bietet nicht was ihr denkt das sie bietet. Es ist bereits hier, Leute, weil, ihr seid es. Ihr habt das bereits zur Verfügung. Das ist in dir in jedem Moment. Wir glauben das nicht, ich weiß, wir denken nicht auf diese Art. Das ist es was uns veranlasst, Partnerschaft mit anderen zu suchen. Und wieder, das ist Keiko, nicht Shugyo. Ja, Partnerschaft ist wunderbar. Ich schätze wirklich meinen Partner im Leben, meine Frau! Ich schätze wirklich die Gemeinschaft mit euch allen! Aber ich lerne, dass es nicht so darum geht im gleichen Raum zusammen sein zu müssen, zur gleichen Zeit. De facto, das ist wirklich nicht der Punkt. Ich will sagen, lasst uns weiter ins Dojo gehen, bitte, und lasst uns auch weiter Seminare haben. Aber denkt daran, übt auch das, so dass ihr auch diese Erfahrung habt. 

Schüler:  Hallo, Sensei. Ich habe gerade über den Nutzen des Trainings nachgedacht.  Es fühlt sich oft nicht so an als wenn da irgendein Nutzen ist; es ist manchmal mehr eine Last für mich, wegen dieser Wertung die ich in meinem Geist habe. Das war es was mir in den Sinn kam, als du über den Nutzen unseres Trainings gesprochen hast. 

Okay, lass mich dir einfach sagen – vielleicht habe ich es dir schon mal erzählt – als  Tohei Sensei mich bat der Chief Instructor von Hawaii zu werden, Hawaii zusammen zu bringen, war ich so aufgeregt. Ich war stolz, dass er mich gefragt hat. Ich dachte, “Wow, ich muss was ganz besonderes sein!” Nun, ich habe das nicht laut zu mir gesagt oder ich hätte mich blamiert, aber es war da drinnen. Und weißt du wie ich heraus fand, dass es da drin war? Weil ich mich eines Tages in meinem Schlafzimmer auf der Bettkante sitzend wiederfand, wirklich, wirklich tief enttäuscht, dass er mich gebeten hat das zu tun, wenn es doch keinen Weg gab, wie ich in der Lage wäre dies vernünftig erfüllen zu können. Ich war in Tränen! Ich war wie Christus im Garten von Gethsemane: “Nimm dies von mir, oh Lord! Nimm diese Bürde von mir!” Aber, das ist es warum es letztlich funktionierte! Wenn du diesen Moment nicht hast, dann bemitleide ich dich. Weil du total eingebildet bist. Wo ist deine Demut? Dies ist gut für dich – dies ist Fortschritt! Ich höre gerne von dieser Last die du trägst. Nur ein armer Trottel denkt da ist Vergnügen in jedem Moment. Und du musst unterrichten, und du möchtest doch sowas nicht unterrichten, oder?

Schüler:  Nein. 

Ich weiß. Nun, du bist in einer glücklichen Lage. De facto sind die meisten von uns auf diese Art in einer glücklichen Lage. Wir können uns so glücklich schätzen ein Heim zu haben in dem wir leben können, zu essen zu haben und wundervolle Familien, wisst ihr, oder vielleicht haben wir auch keine große Familie, aber werden sie vielleicht eines Tages haben. Von wo auch immer ihr kommt, es erlaubt euch die Zeit und die Neigung zu haben zu kommen und dies hier heute zu tun, mit mir. Seht mal, 99% der Welt sind nicht hier, und dafür gibt es Gründe. Sie sind nicht hier, weil sie jetzt gerade beschäftigt sind und versuchen zu überleben. Wie kommt es, dass wir hier sein können? Erinnert ihr euch daran in jedem Moment? Erinnert ihr euch daran dafür dankbar zu sein? Wer sonst hat was ihr habt? Ihr seid schlicht überladen mit Gaben. Meine Tochter nennt diese Bürden die du hast „Erste-Welt-Beschwerden“, weil irgendwie kommen sie nicht als Problem hoch, sofern wir nicht die Zeit dafür haben, dass sie ein Problem sein können. Sie beschweren sich über solche Sachen nicht in Syrien, vermutlich, oder in Yemen. 

Schüler: Jetzt fühle ich mich noch schlechter, Sensei. Ha ha!

Nun es ist gut, dass du einen Sinn für Humor hast, wirklich. Das wird dir wahrscheinlich eines Tages den Arsch retten, wenn es das nicht schon tut. Es ist immer so schön dich zu sehen.

Schüler:  Vielen Dank, Sensei. 

Schüler:  Hallo, Sensei. Hallo, an alle. Ja. Als du uns gesagt hast, dass wir immer Erwartungen haben, ich habe den Nutzen noch nie so gesehen, jenseits von Erwartungen. Auf diese Art habe ich das zum ersten Mal gesehen. Daran hatte ich noch nicht gedacht. Du hast erläutert was der Nutzen ist. Weil man immer Erwartungen hat, wie er sein und aussehen sollte.

Nun, wie ich sagte, und wie jeder weiß, möchte ich immer hinter den Vorhang schauen, tiefer gehen in was auch immer wir erfahren. Und diese Angewohnheit kommt vom vielen Sitzen. Wenn wir viel sitzen, über viele, viele Jahre schauen wie diese Dinge aufkommen, nun, wenn du lernst zu sitzen und einfach zu ruhen in was auch immer aufkommt, und es kommt immer wieder was, und es wird immer mehr frei gelegt, solange du die Aufmerksamkeit hast da drin zu bleiben. 

Verstehst du? Wenn du die Aufmerksamkeit nicht hast, kann dies nicht geschehen. Deswegen möchtest du viel sitzen, weil du damit deine Fähigkeit aufbaust, deine Aufmerksamkeit wird stärker und stärker. Und wenn du wirklich sehen willst, was hinter all dem steckt das in deinem Geist auftaucht, ein Gedanke, ein Gefühl, selbst eine Erinnerung, oder eine Vorahnung… was auch immer aufkommt, es gibt einen Grund dafür, es ist etwas dahinter, da ist etwas viel tiefer. Und dann, nun, ist auch was da hinter.

Wisst ihr, Tracy Reasoner, in seiner Stunde letztens, erzählte uns über die 5 warum‘s. Er sagte, dass er diese gerne in seiner Anfängerstunde verwendet. Er fragt den neuen Schüler „Warum bist du…“, und die sagen dann „Nun, weil ich hörte, dass das wirklich toll ist.“ „Okay, warum möchtest du etwas wirklich Tolles?“ „Nun, weil…“ und so geht das dann weiter… und nach 5 Fragen nach dem „warum“ kommt man vielleicht zur wirklichen Antwort. Aber ich sage euch, es sind nicht 5, Leute, sondern es sind unendlich viele. Es geht einfach weiter und weiter. Aber du wirst daran keine große Freude haben, wenn deine Fähigkeit zur Aufmerksamkeit schwach ist, weil du abgelenkt werden wirst, du wirst nicht dranbleiben können, du wirst nicht darin bleiben können. Ihr alle wisst, dass an manchen Tagen eure Aufmerksamkeit viel besser ist, und an anderen Tagen viel schlechter. Man sagt dann, oh, ich war nur am denken, denken, denken. Und auch das, obwohl es wahrscheinlich immer passieren wird, wird mit der Zeit vielleicht weniger werden. Es geht immer um die Aufmerksamkeit, was im Grunde das ist was Suzuki Sensei “Bewusstsein“ nannte. Einfach in Bewusstsein im Onepoint im Unterbauch ruhen. 

Gut. Wir sind am Ende unserer Stunde. Vielen Dank für euer Kommen, und ich werde euch alle dann am Sonntagmorgen sehen.

Domo arigato gozaimashita

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