Anfängergeist

— von Christopher Curtis (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Maui Shunshinkan Dojo auf Zoom, Sonntag 10. Mai 2020

Guten Morgen, euch allen! Onegaishimasu…

Frohen Muttertag! An alle die Mutter sind, und natürlich haben wir alle eine Mutter, also lasst uns heute unsere Mütter ehren! …

Ich werde euch heute morgen als Shokushu, als Ki-Spruch, noch einmal Tohei Sensei’s vier Prinzipien zur Einheit von Geist und Körper vorlesen…

Shinshin toitsu no yon dai-gensoku
Die 4 Prinzipien zur Realisierung der ursprünglichen Einheit von Geist und Körper

1 Seika no itten ni kokoro wo shizume tôitsu suru. 
Realisiere deinen Geist in Ruhe im Einen-Punkt im Unterbauch 

2 Zenshin no chikara wo kanzen ni nuku. 
Lass all deine Kraft aus Körper, Geist und Emotionen vollständig ab

3 Karada no subete no bubun no omomi o, sono saikabu ni oku. 
Lass das Gewicht eines jeden Teils deines Körper in dessen unterstem Punkt ruhen

4 Ki o dasu
Ki fliesst natürlich.

Suzuki Sensei, mein Lehrer hier auf Maui, hat uns oft gesagt: „Im Geist eines Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist eines Experten gibt es nur wenige“ … Nun, wahrscheinlich kennt jeder diesen Ausspruch, und Suzuki Sensei hat ihn nicht erfunden… tatsächlich hat ein anderer Suzuki, Suzuki Roshi, gesagt, am Anfang, wenn du anfängst zu üben, dann hast du den Anfänger-Geist. Wenn du erst mal eine Weile geübt hast, wirst du zum Experten. Und dann, wenn du sehr viel Glück hast, kommst du irgendwann wieder zurück zum Anfänger-Geist. Nun, was bedeutet das? Wisst ihr, jeder weiß das, oder? Also warum ist es so, dass wir als Anfänger so danach streben Experten zu werden? Wir verbringen all unsere Zeit mit Studieren und Üben, mit dem Ziel ein Experte zu werden. Die meisten Menschen, wenn sie erst einmal ein Experte geworden sind, bleiben das für den Rest ihres Lebens. Aber hin und wieder hat jemand eine Art Realisierung, ein Erwachen, oder ein Erkennen, an einem Punkt in ihrem Experten-Leben, und sie machen den nächsten Schritt zum zweiten Level des Anfänger-Geistes. Nun, was ist dieses zweite Level des Anfänger-Geistes? Ich denke es ist sehr wichtig das zu verstehen… Wenn wir in dieser Welt leben, dann wird uns gesagt, ein Experte in irgendwas zu sein bedeutet viel darüber zu wissen, was auch immer es ist. Ich bin eine hoch gebildete Person, ich bin 75 fast 76 Jahre alt, und so weiß ich eine Menge Dinge, über viele Dinge. Richtig? Aber ich weiß gar nichts über die allerwichtigste Sache, die da ist „Was wird im nächsten Moment meines Lebens geschehen?“ … … Und ich denke das ist der entscheidende Punkt, in diesem Ganzen. An irgendeinem Punkt im Leben als Experte realisierst du dann, dass du ganz praktisch gesehen eigentlich überhaupt nichts darüber gelernt hast, was in diesem Moment jetzt geschieht… Du weißt viel über alles mögliche, du kannst es beschreiben, du kannst es unterrichten, du kannst ein Buch darüber schreiben, du kannst anderen davon erzählen – aber die tatsächliche Erfahrung kann nur stattfinden, wenn dein Geist frei und offen im Moment ist. Und das ist es, was wir Anfängergeist nennen, das zweite Level von Anfängergeist. … … Etwas um mal darüber nachzudenken… … 

Gut, wir werden ein wenig Ki-Atmung machen… setzt euch bitte aufrecht hin und schließt die Augen…

(es folgen 38 Minuten Ki-Atmung, Ki-Meditation, und Ganzkörpermeditation)

Sehr gut. Wenn wir einfach noch ein wenig in unserem Onepoint ruhen können…

… Dann ist es natürlich, dass wir entspannt sind, es ist natürlich, dass wir ruhig sind, und wir können die Bewegung des Ki spüren, es ist die Aktivität des Ki… Wisst ihr, Ki ist alles was da ist, also alles was da erscheint, erscheint dank dieses sich bewegenden, tanzenden, singenden, einer Art Gefühls in dir… alles was erscheint, erscheint aufgrund dieses Phänomens. Und, wir müssen nicht vorher wissen – das ist es wovon ich gesprochen hatte – was passieren wird. (lacht) Nun, wir können nicht wissen was passieren wird. Wir müssen es nicht wissen, weil, so ist es ausreichend. Weil wir darin sind. Und es nimmt uns einfach mit… so… Dies ist sehr wichtig… damit zu sitzen, darin zu sitzen, und das Gefühl einfach zu genießen. Das ist es jedenfalls, was Suzuki Roshi als Anfängergeist bezeichnet hat… einen Geist unendlicher Möglichkeiten, weil wir nicht auf die Welt schauen durch einen Vorhang vergangener Ereignisse hindurch… wenn wir jemandem begegnen, dann sehen wir etwas Frisches, Neues, und Unbekanntes… wir tragen nicht die Wertungen, die Erinnerungen der Geschichte, dessen was auch immer vorher geschehen ist, mit uns, ob Gutes oder Schlechtes, es ist egal, du kennst es nicht… Jemand, Bertrand Russell, denke ich war es, sagte mal „Nur mein Schneider kennt mich gut. Weil, jedes Mal wenn er mich sieht, muss er immer wieder neu meine Maße nehmen.“ (lacht) Ich schätze er wurde immer dicker… Aber das ist wahr. Die meisten Menschen schauen sich nicht genau an was ihnen in jedem Moment begegnet, frisch, neu… … 

Fincher, kannst du uns über deine Erfahrung damit berichten, bitte? 

Schüler:  Danke, Sensei. Es scheint immer etwas unterschiedlich zu sein, jedes Mal wenn ich sitze. Ich habe mich gefragt, warum sich das nicht so richtig in den Alltag überträgt? Wenn ich sitze, wenn ich zur Arbeit gehe, oder in ein Geschäft, warum fallen wir zurück und schauen durch die Linse? 

Kannst du mir sagen warum, bitte?

Schüler: Nun es muss einfach Gewohnheit sein. Einfach der Gewohnheit zu erlauben über uns zu bestimmen. 

Nun, du sitzt aus einem Grund, morgens, richtig? Ja? Was ist der Grund, warum du sitzt?

Schüler: Ich würde sagen, um den Tag auf die richtige Art zu beginnen. 

Was wäre denn die richtige Art?

Schüler: Im Onepoint zu ruhen. 

Im Onepoint zu ruhen. Nun, im Onepoint zu ruhen ist es was es uns ermöglicht, frisch zu sein, jenseits kleinlicher Überlegungen. Ja? Und frei von dem Vorhang der aus unseren Gewohnheiten, unseren Konditionierungen besteht… So… Ich erinnere mich, ich ging einmal auf ein Retreat, es waren einige Tage Meditation, und als ich zurück kam war alles woran ich denken konnte, dass ich wirklich gerne mexikanisches Essen haben wollte. Und als ich anfing an das Essen zu denken, und anfing zum Restaurant zu fahren, mein Auto parkte, und ins Restaurant ging… konnte ich fühlen, es war als wenn sich Schichten … wieder zurück über mich legten (zeigt dabei mit den Händen wie sich eine um die andere Schicht vor sein Gesicht schiebt). Und ich fing an alles wieder so zu sehen wie ich es früher gesehen hatte… es war so traurig… (lacht) weil, ich hatte solche Freiheit erfahren, durch das Sitzen über mehrere Tage, das ist was passiert, du kannst da sehr tief reinkommen in das Freisein von diesen kleinlichen Wertungen, frei von deiner eigenen Vergangenheit, du kannst wieder zur keuschen Jungfrau werden… (lacht) du kannst dir deinen Sinn von Unschuld bewahren, ja… Natürlich ist es möglich, so den Tag über zu bleiben, aber du kannst es nicht mit dir mitschleifen… es muss frisch in jedem Moment entdeckt werden. Das ist der Schlüssel. (lacht) Deswegen sagt dir jeder Lehrer zu sitzen, sitzen, sitzen… (emotionaler Moment)…

Schüler: Vielen Dank, Sensei!

So, kann jemand anderes etwas sagen, bitte? Glenn Young, sprich zu uns…

Schüler: Vielen Dank, Sensei. Ich hatte im ersten Drittel der Meditation, da fühlte ich mich ruhig und gesetzt, und dann tauchte eine Geschichte in meinem Kopf auf, von einer vergangenen Erfahrung, und die hat mich einfach abgelenkt… Nun, es war eine schöne Erinnerung, sie war interessant, aber es war eine Geschichte, und dann waren da beunruhigende Teile darin, die zu mir zurück kamen, und ich war einfach sehr abgelenkt von dieser Geschichte, es hatte nicht dieselbe Bedeutung, es war nur eine Erinnerung in der Vergangenheit, es hinterließ bei mir das Gefühl als wenn da etwas fehlen würde, oder es leer wäre, und dann konnte ich nicht wieder in die Meditation zurück kommen, danach, und ich dachte darüber nach, nun, diese Geschichte ist Teil meiner Vergangenheit, Teil meines Lebens, es ist keine schlechte Geschichte, aber was hat sie mit jetzt zu tun, und warum ist sie so beunruhigend, und warum kann ich nicht zurück kommen im Onepoint zu sein…?

Nun, ich denke du warst auf Maui als ich die Hahn-Meditation unterrichtete? 

Schüler: Nein, ich denke nicht…

Nun, wir haben viele wilde Hühner auf unserem Anwesen… hier auf Maui gibt es viele wilde Hühner. Und die fangen um 2 Uhr morgens an zu krähen, ich denke die glauben sie hätten die Macht die Sonne herbeizurufen wenn sie damit anfangen… und wenn du früh morgens sitzt, und der Hahn kräht, wiederholt während du sitzt, und er wiederholt das nicht in irgendeinem bestimmten Abstand, okay, es ist chaotisch, und du weißt nicht wann es wieder passiert… Aber ich hatte die Erfahrung, wenn ich es hörte, dass es mich dann irgendwie ablenkte, mich störte. Haaa, dieser Hahn, warum… lasst uns all diese Hähne töten, tötet sie alle und entfernt sie aus meinem Garten. Sie stören meine Meditation. So (lacht) dann natürlich erkannte ich, dass da etwas fehlte… in meiner Brutalität, alles verschwinden lassen zu wollen was mich stört. Stattdessen, entschloss ich mich die Hähne anzunehmen… und als ich anfing, dass zu meiner Meditation zu machen, wurde ich von ihnen nie wieder überrascht… und sie wurden einfach ein Teil von dem was ich tat… Nicht dieses hier Meditieren, und dann ist da dieser Einfluss von außen… Und ich fing an zu erkennen, dass alles so ist. Und Dinge, die in der Vergangenheit meine sogenannte Meditation gestört hatten, was natürlich oft geschah, Geschichten, wir alle haben Geschichten, aus der Vergangenheit, dann fing ich an anders zu sitzen… Ich habe diese Dinge nicht verfolgt, es ist schwer zu sagen, es ist einfach eine Erfahrung… es ist das alles einfach zu akzeptieren. Es anzunehmen wie es ist, ohne es zu jagen. Mit anderen Worten, es einfach hier sein zu lassen, als Teil von allem was gerade geschieht. Und dann, bis du immer noch darin. Du bist, dein Zentrum ist immer noch tief darin, und nicht da herausgerissen. Du hast diese Macht. Anzunehmen. Was auch immer kommt. Und wenn du den Rest deines Lebens meditieren willst, glaub mir, dann ist es wichtig das zu lernen. (lacht) Weil sonst wirst du ständig… du weißt schon.

Ich sollte das noch klarer ausdrücken, indem ich sage, wenn ich zu einem Anfänger sprechen würde, dann würde ich das anders formulieren, weil am Anfang musst du deine Fähigkeit aufbauen in Aufmerksamkeit zu sein… wenn du keine Fähigkeit hast in Aufmerksamkeit zu sein, dann ist es sehr schwierig das anzunehmen, was scheinbar außerhalb von dir ist, oder von weit weg zu dir kommt. … Also sage ich den Leuten immer, komm einfach zurück zu deiner Atmung, komm zurück zu deiner Meditation, zur Übung, und durch Zurückkommen, Zurückkommen und Zurückkommen entwickeln wir unsere Fähigkeit zu meditieren. Manchmal vergleiche ich das mit dem Heben von Gewichten, du wirst immer mehr und mehr fähig zu tiefer Aufmerksamkeit. Nun, es ist nicht so, dass der Anfänger dies tut, und der Experte tut dann das, nun, das Leben, wie du weißt, ist nicht so. Es ist nicht immer eine Sache vor der anderen, es ist irgendwie ein Mischmasch von allem gleichzeitig. Also, das ist etwas zum Gewahrsein und zum Üben. Natürlich, komm immer zurück, zum Einen Punkt im Unterbauch, immer zurück kommen zum Ruhen in der Realität, frei von Wertungen, frei von kleinlichen Bedenken… aber dann auf der anderen Seite, wenn etwas aufkommt, lass es aufkommen und da sein so lange es nötig ist, weißt du, es ist wie die Wolken am Himmel, da ist ein klarer blauer Himmel, nicht wahr, und du könntest sagen das bist du, und nun bewegt sich diese Wolke über den Himmel, und du willst dann nicht herum wedeln und versuchen die Wolke zu zerkleinern und vom Himmel zu vertreiben, du lässt sie einfach da sein, manchmal hängt sie einfach da für einen ganzen Tag, aber früher oder später zieht sie weiter… und oft ist sie einfach nur auf der Durchreise… lass es einfach so sein… lass es so sein… und sei nicht davon gestört… 

Ich sehe es ist schon nach 8 Uhr… also, noch einmal, schönen Muttertag, und bitte ehrt eure Mütter heute…

Okay, ich liebe euch alle

Vielen Dank, und Bye bye 

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